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Italien Die Kluft zwischen dem Norden und dem Süden prägt noch immer die Gesellschaft / Vertrauen in den Gestaltungswillen der Regierung schwindet zunehmend

„Wir müssen unser Schicksal selbst in die Hand nehmen“

Was ist los in Italien? Rechte Parteien gewinnen immer wieder an Zulauf, neue Parteien werden gegründet – mal die populistische Fünf-Sterne-Bewegung, mal die sozialreformerische Italia Viva. Eindrücke, gesammelt auf 1347 Kilometern Bahnfahrt durch das Land.

Die Morgensonne scheint wärmend auf Gleis 1. Hinter dem Bahnhof liegt das Mittelmeer, eine Autofähre und ein Kreuzfahrtschiff ruhen im Hafen. Ein streunender Hund sonnt sich auf dem Bahnsteig gegenüber. Montagmorgen auf Sizilien. Erst als gegen 8.30 Uhr der Intercity 722 mit seiner grünen Lokomotive einrollt, beleben sich die müden Reisegefährten. Plötzlich herrscht Unruhe auf dem Bahnsteig, Koffer werden hektisch gezogen, nervöse Trippelschritte sind überall auf dem Bahnsteig zu hören.

„Andiamo!“ ruft eine Frau mit dunklem Haar und Sonnenbrille. Alles normal in Italien? Das Land hat seine seltsamsten Monate seit Langem erlebt. Zu Jahresmitte tourte der Innenminister auf eigenartigen Wahlkampfveranstaltungen an Italiens Mittelmeerstränden. Der Lega-Nord-Politiker und damalige Innenminister Matteo Salvini kündigte die Regierungskoalition auf, jetzt wird Italien von der Linken geführt.

Hohe Arbeitslosigkeit

Was ist mit den Italienern los? Vielleicht kann eine Zugfahrt, von Süd nach Nord, von Catania auf Sizilien bis in die Wirtschaftsmetropole Mailand in der Lombardei, aufklären. Eines wird die mehr als zwölfstündige Reise auf 1347 Kilometern zeigen: Italien, das ist ein viel zu enger Begriff für das so bezaubernde wie kaum verständliche Gemisch aus Menschen, Sitten und Ansichten.

Die Fahrt beginnt mit einem „caffè freddo“, einem leicht gezuckerten kalten Kaffee. Familie Buccheri bietet ihn an. Die Buccheris, Vater Sergio, Mutter Maria und zwei Töchter in ihren 50ern, stammen aus Siracusa auf Sizilien und brachten einen Großteil ihres Lebens als Emigranten in Dortmund zu. Mit dem Zug geht es bis Bologna. Der Vater muss am Knie operiert werden, in Bologna gibt es die besseren Ärzte. Also reist die Familie in den Norden.

Der Sohn der älteren Tochter lebt in Rom, die Mutter erzählt es seufzend. Sizilien, Italiens Süden insgesamt, ist kein Gebiet für junge Menschen. Über 50 Prozent der Jüngeren sind arbeitslos, das organisierte Verbrechen nutzt diesen Missstand.

Der Zug hat die Stadt Acireale am Fuß des Ätna erreicht. Der Blick fällt auf die Straße von Messina, ein paar Fischerboote schippern idyllisch in der Morgensonne. Als Kontrast fällt ein auf das Bahnhofshäuschen geschmiertes Hakenkreuz ins Auge. Taormina zieht vorbei, bezaubernd kristallines Wasser ist aus dem Zugfenster zu sehen, auf der anderen Seite die Terrassenlandschaft des dampfenden Vulkans.

Tourismus als Erfolgsrezept

In Messina wird der Zug auf die Eisenbahnfähre rangiert. 25 Minuten dauert die Überfahrt, die Beppe Grillo, Gründer der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung, im Wahlkampf einst in mehr als einer Stunde durchschwamm. 48 Prozent der Wähler auf Sizilien stimmten im Jahr 2018 für die Sterne-Bewegung. Inzwischen hat die rechtsradikale Lega in manchen Orten die Nase vorn.

„Geliebtes Sizilien“, seufzt eine der Töchter aus Siracusa mit Blick auf die Insel. „Mit deinen Stärken und deinen Schwächen!“ Auf dem Festland angekommen stellt ein Mitreisender grinsend fest, die Kontinentalluft habe ihm den Magen geöffnet. „Marzia, hol die Panini aus der Tasche!“, ruft er. Mittagspause, es ist 12 Uhr, der Intercity 722 nach Neapel hat 40 Minuten Verspätung. Eine Gruppe von Polizisten steigt zu und führt akribisch einen Drogenhund von Abteil zu Abteil.

Einen letzten, optimistischen Eindruck vom Süden hinterlässt der Mitreisende Antonio Ingrassia. Antonio ist 34, zog aus Caltagirone auf Sizilien weg, um in Japan kochen zu lernen, und machte eine unheimliche Entdeckung. Während er in seiner Heimat nur Unzufriedenheit und Pessimismus erlebte, waren die Japaner jedes Mal begeistert, wenn er von seiner Herkunft Italien erzählte. Also entschied er sich zur Rückkehr.

„Wir müssen unser Schicksal selbst in die Hand nehmen“, sagt er. Das sei das beste Rezept gegen die Mafia. Seit ein paar Jahren führt Antonio Touristen durch Sizilien, führt sie auf Safranfelder, lässt sie Kräuter und Kakteenblüten am Fuß des Ätna pflücken, Kühe melken und dann diese bunte Ernte selbst zu Rezepten verarbeiten. „Ich will es hier schaffen. Die Steuern kann ich bezahlen“, sagt er optimistisch.

Der Optimismus ist dann recht schnell wieder passé bei der Fahrt durch Kalabrien. Der Zug hält in Gioia Tauro, einem der wichtigsten Häfen des Mittelmeers, der unter dem Einfluss der ‘Ndran-gheta steht. Ministerpräsident Giuseppe Conte kündigte an, hier eine Kabinettssitzung abzuhalten, als Symbol dafür, dass es die neue Links-Regierung nun wirklich ernst nehme mit dem vernachlässigten Süden. Doch das haben sie alle versprochen: die Ex-Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, Matteo Renzi, die Fünf Sterne. Wahlversprechen werden in Süditalien gemacht, was danach kommt, scheint nicht mehr so wichtig. Immerhin ist die Uralt-Autobahn von Reggio Calabria nach Salerno bei Neapel nun durchgehend befahrbar. Nach Norden ging es oft nur im Schritttempo.

Dass es um mehr geht als um Autobahnen, ist einem Gespräch zu entnehmen, das sich auf dem Weg nach Neapel zwischen den Mitreisenden entspinnt. Manolo, feinsinniger Theatermacher, und Riccardo, ein eher grobschlächtiger Kalabrier, sind sich einig in ihrer Analyse, dass die Politik in Italien kaum vertrauenswürdig ist. „Die Gesichter wechseln sich ab, der Kern bleibt derselbe“, sagt der Kalabrier. Niemand widerspricht. Viele Italiener haben dieses Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Regierenden. Die wechseln sich in Windeseile an der Macht ab. Berlusconi, Renzi, die Fünf Sterne, Salvini. Es gibt nicht wenige Italiener, die haben allen Vieren schon ihre Stimme gegeben.

Abfahrt Neapel um 16.40 Uhr, nach acht Stunden und 500 Kilometern Intercity beginnt dann eine andere Republik. Umsteigen in den Frecciarossa 9650 nach Mailand, den Hochgeschwindigkeitszug. Nur vier Stunden wird er brauchen, für 700 Kilometer. Im Zug herrscht außerordentlich viel Platz, es ist kühl. Mit 280 Stundenkilometern braust der Schnellzug in Richtung Hauptstadt Rom, vorbei an den Rauchschwaden der „terra dei fuochi“, dem Hinterland Neapels, das für die illegalen und hoch gesundheitsschädlichen Giftmüllverbrennungen berüchtigt ist, vorbei an Olivenhainen der Region Latium.

Geschäftige Metropole

Im Süden gibt es diese Schnellzugverbindungen nicht. Im Süden gibt es auch weniger Anzugträger, die massenhaft nach Büroschluss in Rom zusteigen. Laptops werden aufgeklappt. Giovanni ist Psychiater, mit seiner Frau reist er nach einem Wochenende in Rom zurück nach Domodossola an der Schweizer Grenze, wo er seit zwei Jahren arbeitet. Aber er hat die Nase voll, bald geht es zurück nach Rom.

„Wenn du Steuern hinterziehst, dann geht es“, sagt er lachend auf die Frage, wie man so lebt dieser Tage in Italien. Die Kälte, der Dialekt im Norden sind nichts für ihn. Die Nachbarn mischen sich ein, eine Logopädin, eine Psychologin und Giovanni diskutieren über den Einfluss der katholischen Kirche auf die Kultur in Italien. „Italiener haben tiefe Schuld- und Ohnmachtsgefühle“, behauptet Giovanni.

Der Zug braust durch die Toskana. Auf Höhe Bologna wird es dunkel, um 20.59 Uhr läuft der Zug im Mailänder Hauptbahnhof ein. Die Stadt wirkt sauber und dynamisch. Es ist Abend, doch die Geschäftigkeit der Metropole ist auch jetzt zu spüren. Etwas abseits steht Suor Valeria, Ordensschwester aus Mailand. Fragt man sie nach der Stimmung im Land und in der Stadt, beschreibt sie erst die Großzügigkeit der Mailänder, ihr offenes Herz, und sagt dann: „Die Italiener haben Angst.“ Vor was? „Vor allem“, sagt die Schwester. Man lebe gut in der Stadt, aber Salvini habe doch in manchen Dingen recht. Die vielen Afrikaner, zum Beispiel, die vor dem Bahnhof herumlungern. Valeria legt den Zeigefinger auf den Mund, als sei es ihr peinlich, das zu sagen. Dann entschwindet die Ordensschwester in die Mailänder Nacht.