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Sport Viele Athleten sehen die Annäherung von Süd- und Nordkorea skeptisch und treten mit mulmigen Gefühlen in Asien an

Wie Politik und Wirtschaft Olympia missbrauchen

Bei sportlichen Großveranstaltungen geht es schon lange nicht mehr nur um den Wettbewerb. Meist stehen die Interessen von Staaten und Unternehmen im Vordergrund. Das zeigt sich nun auch bei den Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang.

Es war ein Bild mit Symbolcharakter. Oben auf der Ehrentribüne saß IOC-Präsident Thomas Bach und blickte skeptisch auf die „rote Armee“ unter ihm. 229 uniform rotgekleidete Frauen aus Nordkorea versuchten, beim ersten Auftritt des gemeinsamen koreanischen Eishockey-Frauen-Teams Stimmung zu machen. Die Bemühungen der von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un entsandten „Armee der Schönheiten“ blieb erfolglos. Das Einheitsteam verlor haushoch mit 0:8 gegen die Schweiz.

Vielleicht hat sich der Deutsche Bach („Ich komme ja selbst aus einem geteilten Land“) in diesen Minuten einmal gefragt, ob seine eigentliche Idee von „Olympischen Friedensspielen“ wirklich aufgeht. Oder ob diese Winterspiele von Pyeongchang nicht vom nordkoreanischen Regime gerade als kostenlose PR-Bühne für die ganze Welt missbraucht werden.

Die Antwort ist nicht einfach: Das gemeinsame Team erfüllt die Träume vieler Menschen in Südkorea, die sich nach einer Annäherung mit der neuen Atommacht Nordkorea sehnen. Doch ob die olympische Idee tatsächlich langfristig eine friedensstiftende Wirkung entfalten kann, wird sich erst in den Monaten nach dem großen Event zeigen.

Viele Sportler sind wegen der politischen Spannungen zwischen Nordkorea und den USA jedenfalls mit einem mulmigen Gefühl auf die geteilte Halbinsel gereist. „Natürlich fragt man sich als Sportler mit Blick auf diese Winterspiele, warum Olympia immer in solchen Gebieten stattfinden muss. 2014 gab es die Sicherheitsfrage ja auch“, sagte Skisprung-Olympiasiegerin Carina Vogt. Vor vier Jahren fanden die Spiele in Sotschi statt und wurden von Russlands Präsidenten Wladimir Putin als große Propaganda-Bühne genutzt. Fast gleichzeitig begann der Krieg in der Ukraine und wenige Tage nach Ende der Winterspiele der russische Einmarsch auf der Krim-Halbinsel.

Politischer Missbrauch sportlicher Großveranstaltungen ist heutzutage nicht selten: In diesem Jahr wird die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland stattfinden, vier Jahre später in Katar. Speziell die Vergabe des Championats 2022 ins Emirat steht unter massivem Korruptionsverdacht. So sollen zum Beispiel zwei Millionen Dollar auf ein Konto einer damals zehnjährigen Tochter eines FIFA-Funktionärs geflossen sein. Selbst die Fußball-WM 2006 in Deutschland war offenbar gekauft. Es sind solche Schlagzeilen, die die Glaubwürdigkeit des Sports genauso beschädigen wie die Doping-Skandale rund um die Olympischen Spiele.

Russland wurde bei den Winterspielen in Sotschi systematisches Doping nachgewiesen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sperrte daraufhin 45 Sportlerinnen und Sportler. In 39 Fällen wurde diese Sperre vom Internationalen Sportgerichtshof (CAS) wieder aufgehoben. Das IOC verweigert trotzdem 13 dieser Athleten eine Einladung zu den Spielen in Südkorea. Das Verfahren unterstreicht die ganze Hilflosigkeit der Olympiers im Kampf gegen den Betrug. Auch der angedachte Totalausschluss des russischen Teams wurde aus politischem Kalkül verworfen – stattdessen dürfen die meisten russischen Athleten jetzt unter der olympischen Flagge antreten. Für die, die wegen Sperren nicht dabei sein können, will Russland im März eine Art Ersatz-Olympia ausrichten.

All das zeigt das ganze Dilemma, in dem die Olympischen Spiele stecken. Das ist vor allem dadurch begründet, dass politische und wirtschaftliche Interessen die Entscheidungen bestimmen – ganz egal, ob sie Sinn machen oder nicht. Nach 2018 wurden auch die Winterspiele 2022 in ein asiatisches Land ohne Wintersporttradition vergeben. Der Entscheid für Peking hatte damit zu tun, dass sich für die Sportindustrie allein in China ein potenzieller Markt mit 1,4 Milliarden Menschen eröffnet. Zugleich hatte das IOC aber auch keine Alternative, nachdem sich die Bürger in traditionellen europäischen Wintersportländern gegen eine Bewerbung entschieden hatten.

In München stimmte die Mehrheit nach dem gescheiterten Anlauf für die Winterspiele 2018 gegen einen erneuten Versuch. 3,3 Milliarden Euro hätten die Spiele in diesen Tagen in der bayerischen Landeshauptstadt kosten sollen. Dieser Gigantismus führt neben den befürchteten Umweltschäden zu einer ablehnenden Haltung der Menschen gegenüber Olympia. Paradox: Die Wintersport-Begeisterung hierzulande ist weiterhin riesig. Täglich schauen Millionen die TV-Übertragungen von den Olympischen Spielen aus Südkorea. „Es muss wieder klar werden, dass Olympia nicht in erster Linie mit Geld zu tun hat“, fordert die zweimalige Skilanglauf-Olympiamedaillengewinnerin Steffi Böhler. Carina Vogt erinnert an die identitätsstiftende Wirkung von sportlichen Großveranstaltungen hierzulande: „Bei der Fußball-WM 2006 hat man ja gesehen, was so ein Großereignis für eine positive Entwicklung in Deutschland auslösen kann und wie grandios die Stimmung war.“

In Pyeongchang ist das nicht so. Speziell bei den Schneesportarten sind die Tribünen halb leer. „200 Leute sind vielleicht hier. Da kommen beim Training in Oberhof, Ruhpolding und Antholz schon zehn Mal so viele“, schimpft Biathlet Simon Schempp. Das hat auch etwas damit zu tun, dass zumindest alle nordischen Disziplinen in den Abend- und Nachtstunden über die Bühne gehen. Dann fällt das Quecksilber durch den eisigen Wind schnell auf gefühlte minus 20 Grad. „Es waren ja ein paar Leute da, aber die sind zwischendurch wahrscheinlich erfroren. Ich hätte das auch nicht ausgehalten“, scherzte Bundestrainer Werner Schuster. Die erste Skisprung-Entscheidung endete erst 19 Minuten nach Mitternacht.

Die späten Anfangszeiten diktiert das Fernsehen. Allein der europäische Rechte-inhaber Discovery mit seinem Sender Eurosport zahlt schließlich 1,3 Milliarden Euro für die Olympia-Übertragungsrechte bis 2024. Die Athleten erhalten von den gigantischen Einnahmen des IOC dagegen bislang gar nichts. Den Stars der Spiele ist Werbung in der Olympia-Zeit sogar komplett untersagt. Allerdings wollen viele das miese Spiel der Herren der Ringe nicht mehr mitmachen. In Deutschland läuft ein Verfahren beim Bundeskartellamt gegen den entsprechenden Knebel-Paragrafen des IOC, den jeder Athlet vor Olympia unterschreiben muss.

Der deutsche Athletensprecher Max Hartung glaubt, dass eine „finanzielle Kompensation der Sportler für die Olympia-Zeit oder eine wesentliche Lockerung der Werberegeln während Olympia“ als Ergebnis herauskommen könnte. Auch dieser Streit bringt Olympia einen weiteren Schritt näher an den Abgrund. Es gibt allerdings für die Zukunft noch etwas Hoffnung: Die Olympischen Sommerspiele 2024 finden in Paris statt, vier Jahre später ist Los Angeles der Austragungsort. Zumindest ist im Heimatland des derzeitigen US-Präsidenten Donald Trump nicht mit einem vergleichbaren Auftritt der „roten Armee“ aus Nordkorea zu rechnen.

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