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Kriminalität Mit der Anklage gegen einen Karlsruher Informatikstudenten geht die Aufarbeitung des Münchner Amoklaufs weiter / Mannheimer Ermittler spielen dabei eine tragende Rolle

Waffen aus der Tiefe des Internets

Sie war eine der größten Börsen für illegalen Handel im Internet. Der Amokläufer von München kam über diese Plattform zu seiner Pistole. Jetzt klagt die Mannheimer Staatsanwaltschaft den Betreiber an.

Waffen, Drogen, Falschgeld, Kreditkartendaten – auf jener Plattform im Darknet, dem verschlüsselten Teil des Internets, soll vieles gehandelt worden sein. Das zeigt auch schon ihr Name „Deutschland im Deep Web“, also ganz tief im Internet, mit dem Zusatz: „Keine Kontrolle, alles erlaubt“. Nach allem, was die Ermittler wissen, war sie eine der größten ihrer Art, die in Deutschland betrieben wurde. Hier soll der Amokläufer von München David S., der im Juli 2016 acht Jugendliche und eine 45-jährige Mutter erschossen hat, den Kauf seiner Waffe eingefädelt haben. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Mannheim beim Landgericht Karlsruhe Anklage gegen den Betreiber der Plattform erhoben, wie die Behörde gestern erklärte.

Es handelt sich um den 31-jährigen Informatikstudenten Alexander U., der in Karlsruhe wohnt und sich im Netz „Lucky“ genannt haben soll. Der Vorwurf gegen ihn: Verdacht der fahrlässigen Tötung in neun Fällen und der fahrlässigen Körperverletzung in fünf Fällen im Zusammenhang mit dem Amoklauf im Münchner Olympia-Einkaufszentrum. Die Staatsanwaltschaft Mannheim ist hier zuständig, weil sie eine spezielle Abteilung für Fälle von Internetkriminalität hat, die für ganz Baden zuständig ist. Deshalb hatte sie die Ermittlungen gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt übernommen.

Alexander U. wird nach Angaben der Behörde vorgeworfen, seine Plattform von März 2013 bis zu seiner Enttarnung im Juni vergangenen Jahres „für die Durchführung von Verkaufsgesprächen“ bereitgestellt zu haben. Die Ermittler sehen Alexander U. als „alleinigen Administrator“ von „Deutschland im Deep Web“, er habe die Plattform erstellt und „fortlaufend weiterentwickelt“, sie sei auf „größtmögliche Abschottung ausgerichtet“ gewesen und komplett durch Spenden in der Internet-Währung Bitcoin finanziert worden, heißt es in der Mitteilung. Zuletzt hatte „Deutschland im Deep Web“ 23 028 registrierte Nutzer.

Der Amokläufer David S. soll auf der Plattform Kontakt mit einem inzwischen verurteilten Waffenhändler aus Marburg geknüpft und von ihm eine halbautomatische Waffe samt Munition gekauft haben – die Tatwaffe von München. Diese Kontaktvermittlung, die „Deutschland im Deep Web“ ermöglicht habe, werfen die Ermittler Alexander U. vor. Der Student, so die Staatsanwaltschaft gestern in ihrer Mitteilung, „hätte erkennen können und müssen, dass sich außerhalb des legalen, kontrollierten Waffenmarktes unzuverlässige und labile Personen eine Waffe verschaffen können und dass die Erwerber diese auch zur Tötung oder Verletzung von Menschen (...) nutzen könnten“. Genau das sei in München passiert.

In Baden sei es das erste Mal, dass man gegen eine solche Plattform vorgehe, sagt Nikolas Hollinger, der Sprecher der Mannheimer Staatsanwaltschaft, im Gespräch mit dieser Zeitung. Auch bundesweit seien ihm keine Gerichtsentscheidungen zu solchen Fällen bekannt.

Damit Alexander U. verurteilt werden kann, muss ihm ein Gericht nachweisen, dass er wusste, was die Nutzer auf seiner Plattform tun. Zur Beweislage wollte Hollinger sich gestern nicht weiter äußern. Nur so viel: „Wir erheben dann Anklage, wenn wir von einer Wahrscheinlichkeit für eine Verurteilung ausgehen.“ Die Fahrlässigkeit – „dass man es hätte erkennen können“ – reiche dafür aus. Ein Termin für den Prozess vor dem Landgericht Karlsruhe stehe noch nicht fest, sagte eine Sprecherin Gerichts auf Anfrage.

Nachdem Alexander U. im Juni vergangenen Jahres aufgeflogen war, wurde Haftbefehl erlassen – die Ermittler befürchteten nach Angaben der Gerichtssprecherin damals, dass er Beweismittel vernichten könnte. Ende 2017 wurde der Haftbefehl dann unter der Auflage, sich regelmäßig zu melden, außer Vollzug gesetzt, weil die Beweise offenbar gesichert waren. Vertreter der Opfer von München kritisierten das damals heftig, angesichts der Schwere der Vorwürfe sei eine Freilassung ungewöhnlich, hieß es. Diesen Donnerstag nun wurde Alexander U. in seiner Karlsruher Wohnung wieder festgenommen. Er kam in eine Justizvollzugsanstalt – wegen Fluchtgefahr.

Neben der Kontaktvermittlung im Fall des Münchner Amokläufers werfen die Ermittler dem 31-Jährigen noch weitere Delikte vor, deren Folgen allerdings nicht dieses Ausmaß haben. So soll die Plattform ein Tauschgeschäft von halbautomatischen Pistolen ermöglicht haben, in das wiederum der Waffenhändler aus Marburg verwickelt gewesen sein soll.

Darüber hinaus geht die Staatsanwaltschaft von insgesamt 34 weiteren Fällen der Beihilfe zum Waffenhandel aus. Außerdem wirft sie Alexander U. in insgesamt 33 Fällen Beihilfe zum Drogenhandel vor. Hier würden entsprechende weitere Ermittlungsverfahren geführt, sagt Hollinger.

Die Bitcoin-Spenden an eine solche Plattform seien unterdessen nicht strafbar. Die Motive dieser Geldgeber seien unterschiedlich, erklärt der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Zum einen seien es Personen, die die Plattform erhalten wollten, weil sie sie selbst nutzten. Zum anderen seien es solche, die aus Überzeugung spendeten – etwa mit dem Ziel, die Anonymität des Internets zu schützen.

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