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Baden-Württemberg Ministerpräsident Winfried Kretschmann feiert morgen 70. Geburtstag / Laute Störgeräusche in der grün-schwarzen Koalition überlagern die Festlichkeiten

Vom Kommunistischen Bund zum pragmatischen Realo

Winfried Kretschmann hat die Grünen in Baden-Württemberg weit in die politische Mitte gerückt. Nun liebäugelt er mit einer Kandidatur bei der Landtagswahl 2021.

Als Winfried Kretschmann vor fünf Jahren mit dem 65. Geburtstag das Rentenalter erreicht, genügt dem Ministerpräsidenten ein Abendessen mit der Familie. „Geburtstag hat jede Kuh“, wehrt er damals Fragen nach einer offiziellen Feier ab. Morgen wird er 70, und alles ist anders: Es gibt eine Festschrift mit einem Vorwort von Bundeskanzlerin Angela Merkel, ein Symposium mit Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble als Hauptredner und einen Staatsempfang mit EU-Kommissar Günther Oettinger. Dass gleich drei prominente Christdemokraten für einen Grünen in die Bütt gehen, ist nur bei Kretschmann denkbar.

Die öffentlichen Feiern zeigen ein neues Selbstbewusstsein Kretschmanns, der inzwischen offensiv mit seinem Alter umgeht. Der immer wieder gestellten Frage nach seinen persönlichen Plänen weicht er nicht mehr aus. „Sie müssen damit rechnen, dass ich noch einmal antrete“, sagt der Regierungschef mit Blick auf die Landtagswahl 2021. Aber eine Entscheidung sei da nicht gefallen.

Die Schonzeit scheint vorbei

Der Sinneswandel datiert von Anfang des Jahres. Kurz zuvor war sein Traum von einer Beteiligung der Grünen an einer Jamaika-Koalition in Berlin geplatzt. Danach weht ein Hauch von Resignation durch die Regierungszentrale in der Villa Reitzenstein: Laut denkt der Regierungschef nach, dass mehr Zeit mit den Enkeln auch schön wäre.

Inzwischen rechnen sie bei den Grünen damit, dass „Kretsch“ weitermacht und sich um eine dritte Amtszeit bewirbt. Beim Koalitionspartner CDU fürchten das viele. Eine Gruppe der Landtagsabgeordneten liebäugelt mit einer schwarz-rot-gelben Koalition, um den populären Grünen aus dem Amt zu verdrängen. Nur mühsam kann die CDU-Spitze um Landeschef und Vizekanzler Thomas Strobl das Feuer austreten. Kretschmann genießt Ansehen bis weit in bürgerliche Wählerschichten hinein. Ein Koalitionswechsel ohne triftigen Grund wäre in diesen Kreisen nicht zu vermitteln.

Unpassend zu den Geburtstagsfeierlichkeiten geben Grüne und CDU aber den von der Opposition genüsslich genährten Spekulationen über eine Deutschlandkoalition selbst Nahrung. Erst verabschiedet sich die CDU-Landtagsfraktion bei der Reform des Landtagswahlrechts vom gemeinsamen Koalitionsvertrag. Nur einen Tag später lassen die Grünen die CDU-Frau Sabine Kurtz bei der Wahl zur Landtagsvizepräsidentin erst einmal durchfallen.

In den Jahren nach dem überraschenden Wahlsieg bei der Landtagswahl 2011 ist Kretschmann bei den Südwest-Grünen unantastbar. Dabei hat der Oberrealo seiner Partei einiges zugemutet. Selbst als er der von der CDU betriebenen Ausweitung der sicheren Herkunftsländer auf den Balkan zu einer Mehrheit verhilft, kommt die Kritik vor allem aus den Reihen der Berliner Parteifreunde. Nun mehren sich aber die Stimmen in der Landespartei, die mehr grünes Profil von ihrem Ministerpräsidenten verlangen. Die Schonzeit scheint vorbei zu sein.

Vertrauen als Basis

Kretschmann sucht immer wieder den Schulterschluss mit den Wählern. Er präsentiert sich als einer aus ihren Reihen, bedächtig und auf praktische Vernunft setzend. Dazu gehört der schwäbische Dialekt. Wichtig für seine Vertrauensbasis ist die Wertschätzung der Unternehmer, die ihre anfängliche Skepsis längst abgelegt haben.

Dafür ist Kretschmann politisch einen weiten Weg gegangen. Sein CDU-Vorvorvorgänger Erwin Teufel erinnert in der Festschrift mit dem Titel „Gegenverkehr“ daran, dass der Grüne während des Studiums beim Kommunistischen Bund Westdeutschland Mitglied war und zeitweise die katholische Kirche verlassen hatte. „Ich wusste von seiner Vergangenheit, habe sie ihm aber nie nachgetragen“, schreibt Teufel. Kretschmann wiederum zitiert den Christdemokraten gern und oft.

Seine Wiederwahl im Frühjahr 2016 verdankt Kretschmann zu einem guten Teil seinem Schulterschluss mit Angela Merkel in der Flüchtlingspolitik, die CDU-Herausforderer Guido Wolf ablehnte. Er bete für die Kanzlerin, sagt der Grüne damals. Ein paar Monate später wabert das Gerücht, Merkel wolle Kretschmann als Bundespräsident. „Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn er fliegt“, hat er 2011 die Erwartungen eingebremst. Das höchste Staatsamt flog dann doch zu hoch.

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