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Stehaufmännchen feiert sein Comeback

Archivartikel

Das politische Wunder, das Joe Biden (77) am Super-Dienstag zu neuem Leben erweckte, steht wie ein Ausrufezeichen hinter einer Biografie zwischen Triumph und Niederlage. Seine Schwächen könnten die größte Stärke als Herausforderer Donald Trumps sein. Von Thomas Spang

Richard Komi (52) hat immer viel von ihm gehalten. Als Sicherheitspolitiker im US-Senat, treuer Vizepräsident Barack Obamas und nun als Kandidat um die Präsidentschaftswahlen-Nominierung der Demokraten. Doch so schwer hat es ihm Joe Biden noch nie gemacht, an seinen Erfolg zu glauben, wie an diesem Sonntag Anfang Februar im „Rex Theater“ von Manchester im US-Bundesstaat New Hampshire. Komi bekam ohne Mühe einen Platz in der ersten Reihe neben anderen „Joe“-Fans, die ihn verehrten oder aus Mitleid kamen. Ohne die aus dem benachbarten Massachusetts angereisten Anhänger hätte Biden zwei Tage vor den ersten Primaries in New Hampshire Mühe gehabt, das kleine Theater zu füllen. Trotzdem gibt sich der Kandidat zuversichtlich.

Biden verknüpft die Tiefschläge in seinem Leben, wie den Verlust seines Sohns Beau an einem Hirntumor vor vier Jahren, mit denen im Wahlkampf. „Ich wäre verdammt, wenn ich einfach zuschaue und mein Land dann auch noch verliere.“ Komi rollt eine Träne über die Wange. „Seine tiefe Menschlichkeit bewegt mich.“ Der in den Umfragen weit abgeschlagene Kandidat sei der einzige, so Komi, der ein breites Bündnis an Unterstützern habe. Dies werde ihm in Staaten wie Nevada und South Carolina helfen, die viel weniger „weiß“ seien, als die beiden ersten Vorwahl-Staaten. „Da wird Joe richtig gut abschneiden.“

Während Komi auf ein Wunder hoffte, dachten Freunde des ehemaligen Vizepräsidenten bereits über ein würdevolles Ausstiegsszenario nach. Nach einem knappen Wahlsieg in South Carolina und einem achtbaren Ergebnis am Super-Dienstag müsse jemand mit ihm sprechen. Barack Obama vielleicht, der seinem loyalen Stellvertreter behutsam beibringen könnte, dass die Zeit gekommen sei, die Partei zu einen. Beim „First-in-the-South“-Dinner der Demokraten in Charleston schien der 77-Jährige selbst nicht mehr an einen Weg zur Nominierung zu glauben.

Aura des Verlierers

Nach dem enttäuschenden fünften Platz in New Hampshire, dem vierten in Iowa und dem zweiten in Nevada begann auch seine „Brandschutz-Mauer“ aus loyalen schwarzen Wählern in South Carolina zu bröckeln. Der Linke Bernie Sanders war bis auf wenige Punkte an ihn herangerückt. „Ich bin Joe Biden und trete als US-Senator an“, verplapperte sich der Präsidentschaftskandidat, dessen Karriere vor fast einem halben Jahrhundert mit einem völlig überraschenden Wahlsieg im Rennen um einen der beiden Senatoren-Sitze in Delaware begonnen hatte.

Dann bedankte er sich artig bei James Clyburn, dem ersten schwarzen Abgeordneten South Carolinas, der den Bundesstaat seit fast drei Jahrzehnten im Kongress vertritt. Er ratterte ein paar Namen von Unterstützern herunter und gab seine Zeit für die Kandidatenrede zurück, bevor sie abgelaufen war.

Abgeschlagen in den Umfragen, abgebrannt an Wahlkampfressourcen und ausgebrannt an Ideen, umgab Biden die Aura des Verlierers. „Biden baut ab“, diagnostizierte der demokratische Kongressabgeordnete Tim Ryan aus Ohio die schwache Performance des Kandidaten im Vorwahlkampf. „Er hat keine Energie mehr.“ Der vergangenen April als Spitzenreiter ins Feld der demokratischen Präsidentschaftskandidaten gestartete Bewerber galt als erledigt. Und war es auch nach allen Regeln amerikanischer Wahlkämpfe.

Dann kam das „Wunder vom Super-Dienstag“, das mit einem unerwartet deutlichen Wahlsieg drei Tage vorher in South Carolina begann. Es sah so aus, als hätte die offizielle Unterstützung durch seinen alten Weggefährten Clyburn einen Schalter umgelegt und die wachsenden Bedenken unter den Afroamerikanern über Nacht zerstreut.

Siegeszug durch den Süden

Mit Hilfe der schwarzen Wählerschaft trat Biden am Super-Dienstag einen Siegeszug durch den Süden an, gewann die beiden wichtigen Wechselwähler-Staaten Virginia und North Carolina mit überwältigendem Vorsprung, überraschte mit Siegen in den Heimatstaaten Elizabeth Warrens in Massachusetts und Amy Klobuchars in Minnesota, bevor er Sanders Hoffnung auf einen Delegierten-Vorsprung beim Rennen um die Nominierung mit einem Triumph in Texas einen Dämpfer verpasste. Die beste Erklärung für die „Joementum“ genannte Schubumkehr war die nackte Panik der Demokraten, mit dem Linken „Bernie“ an der Spitze die Wiederwahl Donald Trumps zu riskieren.

Das überzeugte am Vorabend des Super-Dienstag die beiden anderen Moderaten im Bewerberfeld, Pete Buttigieg und Amy Klobuchar, den Weg für „Onkel Joe“ freizumachen. Plötzlich ist der neue Hoffnungsträger der Demokraten wieder der Alte. Ein mit Mängeln behafteter Kandidat, der seine Berater die Luft anhalten lässt, wenn die Teleprompter aus sind. Biden ist ein mäandernder Redner, anfällig für Versprecher und altmodische Ausdrücke. In Debatten wirkt er schwach, hat wenig Erfolg als Spendensammler und verspricht weder eine Revolution noch große Reformen, sondern vor allem eine Rückkehr zur Normalität.

„Wir sind ganz schön lebendig“, feierte Biden am Super-Dienstag unter dem Sternenhimmel von LA sein „Comeback“ und festigte seinen Ruf als Stehaufmännchen der amerikanischen Politik. Tatsächlich geben sich auf seinem Lebensweg Niederlagen und Erfolge in schöner Regelmäßigkeit die Hand.

Geboren in Scranton, Pennsylvania, als Sohn eines Autoverkäufers und einer Hausfrau, schaffte er als Erster in der Familie den Weg an die Universität. Eine unwahrscheinliche Entwicklung für Joe, den Lehrer und Mitschüler hänselten, weil er keinen Satz zu Ende bringen konnte. Biden kämpfte sich durch, studierte Recht in Syracuse und fing in einer Kanzlei in Willmington, Delaware, an. Aus „Dash“, dem Stotterer, entwickelte sich ein begabter Redner.

Die örtlichen Demokraten entdeckten das Talent des jungen Mannes und überredeten ihn, für den Senat anzutreten. Der 29-Jährige holte einen Rückstand von 30 Prozent auf und zog am Wahltag hauchdünn an seinem republikanischen Konkurrenten vorbei. Ein Triumph, den Joe nicht lange genießen konnte. Kurz vor Weihnachten kamen seine Frau Neilia und Baby Naomi bei einem Autounfall ums Leben. Seine beiden Jungen, Beau und Hunter, überlebten das Unglück schwer verletzt.

Biden wollte die Brocken hinwerfen, das Amt in Washington nicht antreten. Ein Freund überredete ihn, es „für sechs Monate“ zu versuchen. Mit zäher Entschlossenheit versuchte der neue Senator, seine Aufgabe am Kapitolhügel mit der des alleinerziehenden Vaters zu vereinen. Jeden Tag pendelte er im Zug nach Hause. Eine Gewohnheit, die er bis heute beibehalten hat.

Fünf Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau, heiratete er die Lehrerin Jill Jacobs. Danach ging es für den Jung-Star der Demokraten steil bergauf. Eine Karriere, die im ersten Anlauf für das Weiße Haus mündete. 1987 warb er mehr Geld als alle Mitbewerber ein und lag in den Umfragen vorn. Der große Rückschlag kam, als die „New York Times“ Biden dabei erwischte, Teile einer Wahlkampfrede vom britischen Labour-Führer Neil Kinock abgekupfert zu haben. Peinlich blamiert, stieg er aus dem Rennen aus.

„Onkel Joe“ mit Lebenserfahrung

Kurz darauf erlitt er einen Schlaganfall, wurde an zwei Hämatomen im Kopf operiert und schied für sieben Monate aus. Ein Doppelschlag, der den Senator einmal mehr zwang, seine Prioritäten im Leben neu zu ordnen. Biden stürzte sich auf die Außenpolitik und machte sich einen Namen als liberaler Internationalist, der bei Völkermord nicht davor zurückschreckte, die amerikanische Militärmacht einzusetzen. Mit seiner Stimme für die Irak-Resolution George W. Bushs machte er sich im friedensbewegten Iowa bei seinem zweiten Anlauf auf die Nominierung keine Anhänger.

Obama kürte Biden 2008 zu seinem „Running Mate“, weil er dessen Ehrlichkeit und Expertise schätzte. Er erwies sich über acht Jahre als treuer Vizepräsident. Dann schlug erneut eine Tragödie zu. Biden verlor seinen Sohn Beau im Alter von nur 46 Jahren an Krebs. Das traf ihn so sehr, dass er Hillary Clinton den Vortritt für die Nominierung lies. Viele Analysten denken, damit habe er den Zeitpunkt verpasst, für das Weiße Haus anzutreten.

Nicht so der an diesem Superdienstag wie Lazarus von den Toten neu zum Leben erwachte Kandidat, der plötzlich seine Bestimmung gefunden hat. „Für alle, die auf dem Boden liegen, die ausgezählt und zurücklassen wurden – das ist Eure Wahlkampagne“ richtete sich Biden in der Stunde seines unwahrscheinlichsten Triumphes in Los Angeles an seine Landsleute.

Bidens stärkstes Pfund gegen Donald Trump sind seine Unzulänglichkeiten. „Onkel Joe“ mag nicht mehr der agilste sein, aber er ist ein Mensch, der ehrlich ist und mitfühlen kann. Das Stehaufmännchen weiß aus Lebenserfahrung, was es bedeutet, von ganz unten wieder hochzukommen.

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