Welt und Wissen

Ich freue mich, weil ich wirklich helfen kann

„Ich habe 2018 meine Approbation, also meine Zulassung, geschafft und bin jetzt endlich ,echter’ Apotheker in Deutschland! In meinem Heimatland Syrien hatte ich vor dem Krieg Pharmazie studiert. Nach meiner Ankunft hier konnte ich deshalb eine Berufserlaubnis bekommen und auch schon eine Zeit lang in der Löwen-Apotheke in Mannheim arbeiten. Bis zu meiner Approbation war ich dort aber noch ,Apotheker unter Aufsicht’. Das heißt, dass ich zum Beispiel Privatrezepte vom Apotheker unterschreiben lassen musste. Jetzt kann ich das selbst machen. Bei der Löwen-Apotheke habe ich inzwischen einen festen Vertrag.

Am Anfang war das natürlich sehr aufregend, plötzlich die ganze Verantwortung zu haben. Ich weiß noch, dass ich das erste Rezept für ein Betäubungsmittel, das ein Kunde abholen wollte, mindestens vier Mal gelesen habe. Ich wollte ganz sicher sein, dass ich nichts falsch mache. Der Umgang mit Betäubungsmitteln ist hier in Deutschland in der Apotheke streng geregelt, wir lagern sie sogar im Tresor.

Toll ist auch, dass ich jetzt Notdienste übernehmen darf, zum Beispiel nachts oder am Wochenende. Ich mache das gerne. Wenn morgens um 5 Uhr ein Vater klingelt, weil er dringend ein Antibiotikum für sein krankes Kind braucht, stört es mich überhaupt nicht, wenn er mich weckt. Im Gegenteil: Ich freue mich, weil ich ihm in dem Moment wirklich helfen kann. Ob ich irgendwann selbst eine Apotheke führen will, weiß ich noch nicht. Ich bin ja erst 27 und will noch mehr Erfahrung sammeln.

Insgesamt ist hier vieles stärker reguliert als in Syrien. Dort darf ein Apotheker zum Beispiel Antibiotikum auch ohne Rezept an Kunden abgeben. Und es gibt in Deutschland natürlich viele Medikamente, die es in meiner Heimat nicht gibt oder zumindest noch nicht gibt. Und die viel besser sind, zum Beispiel, weil sie weniger Nebenwirkungen haben als andere. Durch den Krieg in Syrien steht dort die Forschung aber still, die Medizin ist nicht auf dem neuesten Stand. Das macht mich natürlich traurig.

Auch weil meine Familie noch dort ist. In Aleppo. Dort ist das Leben sehr hart. Die jungen Leute sind alle weg, entweder im Ausland oder bei der Armee. Es gibt keinen Strom, keine Heizung, teilweise sogar kaum Brot zu kaufen. Und ich laufe hier in Mannheim herum, verdiene gut und kann mir fast alles leisten. Meiner Familie Geld nach Syrien zu schicken ist sehr schwierig: Mein Vater müsste von Aleppo nach Damaskus fahren, um es dort abzuholen. Die Reise ist aber zu gefährlich, überall sind Sicherheitsposten, die man passieren muss.

Manchmal denke ich, es war auch irgendwie egoistisch von mir, nach Deutschland zu flüchten. Aber junge Männer wie ich wurden in Syrien in den Krieg geschickt, deshalb musste ich weg von dort. Und auch jetzt kann ich nicht zurück, nicht einmal, um meine Familie zu besuchen: Man würde mich verhaften oder vielleicht sogar Schlimmeres.

Dabei würde ich so gerne meine Mutter wiedersehen. Und meine Freunde vermisse ich sehr. Wir haben oft zusammen Fußball gespielt. Auch deshalb hilft es mir, hier viel zu arbeiten: Dann bin ich beschäftigt und vergesse, wie sehr mir das fehlt.“