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Revolution Der Matrosenaufstand in Kiel leitete das Ende des deutschen Kaiserreichs ein / Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten und Verkündung neue Staatsform am 9. November 1918

„Es lebe die Republik“

Der Matrosen-Aufstand der kaiserlichen Marine im November 1918 war eine der großen Freiheitsbewegungen der deutschen Geschichte. Er hat lange Zeit nicht die Aufmerksamkeit und Würdigung erfahren, die er verdient. Das ändert sich langsam.

Mit einer großen Ausstellung erinnert zurzeit die Stadt Kiel an den Matrosenaufstand vor 100 Jahren. „Die Kieler Matrosen beschritten den Weg in eine freiheitliche, demokratische und entmilitarisierte Gesellschaft“, erklärte Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) zum Festakt. Die schleswig-holsteinische Bildungsministerium Karin Prien (CDU) betonte, „auch heute braucht es wieder Mut, für die richtige Sache einzustehen. Daran soll uns 1918 erinnern“. In der öffentlichen Erinnerung rückt damit eine vergessene Freiheitsbewegung in den Vordergrund, von denen es in der deutschen Geschichte nur wenige gegeben hat.

Auch in der wissenschaftlichen Forschung hat der Matrosenaufstand nicht die Beachtung gefunden, die er verdient. Zwar sind die Ereignisse in Kiel und Wilhelmshaven in ihren Abläufen erforscht, aber es ist immer noch zu wenig über die Träger dieser Bewegung, deren Herkunft und politische Zielvorstellungen bekannt.

Drakonische Bestrafungen

Es war kein Zufall, dass die deutsche Revolution bei der Marine begann. Schon im Sommer 1917 war es zu massenhaften Befehlsverweigerungen und Friedensdemonstrationen gekommen, die drakonische Bestrafungen zur Folge hatten. Die Matrosen Max Reichpietsch und Alwin Köbes wurden exemplarisch hingerichtet, weitere 76 Matrosen und Heizer zu langen Zuchthausstrafen verurteilt.

Die Vollstreckung der Todesurteile empörte und erbitterte die Matrosen und vertiefte die ohnehin bereits tiefe Kluft zwischen Offizieren und Mannschaften. Schließlich widersetzten sich Ende Oktober 1918 die Matrosen der deutschen Hochseeflotte in Wilhelmshaven dem Befehl ihrer Offiziere, gegen die englische Flotte in See zu stechen. Die anschließende Verhaftung von rund 1000 Matrosen führte innerhalb weniger Tage zu einer offenen Aufstandsbewegung in Kiel, die schnell auf die norddeutschen Küstenstädte übergriff.

Revolutionäre Matrosen bestiegen in Kiel, Bremen und Hamburg die Expresszüge, um ihre Kameraden aus den Militärzuchthäusern und Anstalten des Inlands zu befreien. Zwischen dem 5. und 7. November waren starke Gruppen von Matrosen am revolutionären Umschwung in zahlreichen deutschen Städten beteiligt. Von ihnen, den „Sturmvögeln der Revolution“, gingen die Impulse zur Gründung von lokalen Arbeiter- und Soldatenräten aus. Am 11. November, zwei Tage nach der Ausrufung der deutschen Republik durch Philipp Scheidemann, bildeten revolutionäre Matrosen in Berlin die Volksmarinedivision, die dem neuen Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) als bewaffnete Ordnungsmacht unterstellt wurde.

Qualifiziert und organisiert

Auch im Heer war es in den letzten Monaten des Krieges zu ähnlichen Zersetzungserscheinungen wie in der Marine gekommen. Der Militärhistoriker Wilhelm Deist schrieb von einem „verdeckten Militärstreik“, der zu „einer Massenbewegung“ geworden war. Warum kam es aber nur in der Marine und nicht im Heer zu einem offenen Aufstand?

Dafür waren zwei Faktoren entscheidend: die soziale Zusammensetzung der Schiffsmannschaften und die Existenz einer illegalen Organisation unter den Matrosen. Bei den Decksmannschaften handelte es sich überwiegend um Seeleute der Handelsmarine, einer Berufsgruppe, bei der nationalistische Einstellungen nicht stark verbreitet waren. Das Maschinenpersonal rekrutierte sich meist aus qualifizierten Metallarbeitern, von denen viele schon vor dem Krieg der Arbeiterbewegung angehört hatten und deshalb viel leichter für eine politische Organisierung bereit waren.

Nach den großen Januarstreiks in Berlin im Jahr 1918 wurden viele Aktivisten zum Kriegsdienst eingezogen, die die bestehende Bewegung in der Marine verstärkten. Beispielhaft dafür steht Otto Tost, der den Revolutionären Obleuten in Berlin angehörte und als einer der Streikführer zur Marine nach Cuxhaven eingezogen wurde. Tost war Mitglied des Cuxhavener Soldatenrats und nach seiner Rückkehr nach Berlin für kurze Zeit Kommandant der Volksmarinedivision.

Der Matrosenaufstand wird in der wissenschaftlichen Forschung meist als spontane Bewegung interpretiert, deren Akteure weder Leitsätze formuliert noch organisatorische Ansätze geschaffen hätten. Dieser Sichtweise widersprechen die Akten der Polizei und vor allem die wenigen schriftlichen Berichte der Zeitgenossen. So berichtete der im Zusammenhang mit der Matrosenrevolte 1917 zum Tode verurteilte – und später begnadigte – Willy Sachse von der Existenz eines schon seit 1915 bestehenden, illegalen Verbindungsnetzes mit einer zentralen Leitung, die aus den Bedingungen der Flotte selbst hervorging und durch ihre Mitglieder Kontakte zu linksradikalen Gruppen im Reich aufnahmen.

Befreiung aus dem Arrest

Ernst Schneider, der unter dem Pseudonym „Icarus“ 1943 in London eine Broschüre über die Wilhelmshavener Matrosenrevolte veröffentlichte, beschreibt ein geheimes Komitee, das sich 1916 bildete. Schneider war einer der Initiatoren eines spektakulären Streiks von Seeleuten auf dem Renommierdampfer „Vaterland“, des damals größten und schnellsten Passagierschiffs der Welt, im Mai 1914 in New York.

Die ausführlichste persönliche Schilderung der Matrosenbewegung findet sich in den Memoiren von Hermann Knüfken, den seine Kameraden Anfang November 1918 aus der Marine-Arrestanstalt in Kiel befreiten, wo er sich aufgrund von Fahnenflucht und Landesverrat befunden hatte. Die Träger der Bewegung, so Knüfken, waren vor allem die jüngeren Jahrgänge. Zu Beginn des Krieges hätte es nur wenige wirkliche Kriegsgegner in der Flotte gegeben. Aber durch das „tägliche Vordemonstrieren des ,Deutschtums‘“ an Bord der Schiffe wäre die anfängliche Kriegsbegeisterung allmählich gewichen und hätte den revolutionären Matrosen „Agitationsgründe in die Hände gegeben“, die allgemeine „Disziplin zu untergraben“.

Auf einzelnen Schiffen bildeten die Matrosen illegale Gruppen, deren Vertrauensmänner Verbindungen zu anderen Schiffen herstellten. Nach der Skagerrakschlacht im Mai/Juni 1916 hätte sich unter den „aktiven Elementen“ der Hochseeflotte der Gedanke durchgesetzt, „den Krieg durch offenen Widerstand zu beenden“. Überall hätten Netzwerke zwischen Matrosen und radikalen Werftarbeitern bestanden. Die Bewegung sei von keiner politischen Partei organisiert oder geleitet worden, sondern „beruhte ausschließlich auf den wenigen bewussten Elementen“. Und die hätten es verstanden, „die Unzufriedenen zusammenzufassen und sie reif zu machen für das bisschen Aktion, die dann zum Zusammenbruch Deutschlands führte“.

Blutige Niederschlagung

Zwar sind die Erinnerungen der Akteure widersprüchlich, entscheidender ist aber viel mehr der Umstand, dass eine kleine, entschlossene Minderheit in der Lage war, eine Meuterei zu entfachen, die sich dann zu einem übergreifenden Aufstand entwickelte. Was dies für das (Selbst-)Bewusstsein der Beteiligten bedeutete, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen und bisher noch nie systematisch untersucht worden.

Knüfken fasste dies folgendermaßen zusammen: „Immer waren es die Matrosen, die vom Norden kamen, sie waren die Träger der Idee der Widersetzlichkeit gegen den deutschen Militarismus, mit ihren (wenn auch manchmal sinnlosen) Schießereien taten sie das einzige und allein Richtige, was zu tun übrig geblieben war, sie zeigten dem deutschen Untertan die Ohnmacht der herrschenden Klasse. Es war der Aufstand der ,vaterlandslosen Gesellen‘, deren Avantgarde die Seeleute waren.“

Knüfken und Schneider und mit ihnen ein Teil der aufständischen Matrosen schlossen sicher dem radikalen Flügel der Arbeiterbewegung an und beteiligten sich Anfang 1919 an den großen Streikbewegungen und Räterepubliken, die von den Freikorps unter Verantwortung des sozialdemokratischen Reichswehrministers Gustav Noske blutig niedergeschlagen wurden. Bei den Märzkämpfen 1919 in Berlin ermordeten die rechten Freikorps 30 Angehörige, die eigentlich zum Schutz der Republik aufgestellte Volksmarinedivision wurde in der Folge aufgelöst.

Hymne der Freiheit

Die Erinnerung an den Matrosenaufstand blieb in der Weimarer Republik lebendig. Symptomatisch dafür war der große Erfolg von „Des Kaisers Kuli“, des 1929 erschienenen Romans des ehemaligen Matrosen Theodor Plievier, der in 18 Sprachen übersetzt wurde. Auch im Widerstand gegen den Nationalsozialismus war das Vorbild des Matrosenaufstandes präsent. Knüfken war der Leiter einer der größten gewerkschaftlichen Widerstandsgruppen von Seeleuten, die sich 1936 der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) angeschlossen. Die Organisation der ITF-Gruppe orientierte sich an den illegalen Gruppen der Kriegsmarine, und der „Geist von 1918“ wurde immer wieder beschworen. Den „Geist von 1918“ fassten die Matrosen in der von Hoffmann von Fallersleben – dem Autor des 1922 zur deutschen Nationalhymne erklärten „Lied der Deutschen“ – stammenden Parole zusammen, die gemäß Knüfken in der Marine-Arrestanstalt von „Zelle zu Zelle“ ging:

Nicht betteln, nicht bitten

Nur mutig gestritten,

Nie kämpft es sich schlecht

Für Freiheit und Recht

Dieter Nelles lehrt an der Ruhr-Universität Bochum an der Fakultät für Sozialwissenschaften zum Schwerpunkt Widerstand.