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Arabische Welt Nach vier Jahren Bürgerkrieg starteten in Schwedens Hauptstadt Stockholm gestern neue gemeinsame Gespräche / Zurückhaltende Erwartungen

„Die Jemeniten sind bereit für den Frieden“

Der Krieg hat das Land bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet: Kinder hungern, Heiratende werden bombardiert, ein Volk stirbt. Die Hoffnung der Menschen erlosch nie, doch mit den neuen Konsultationen in Schweden scheint ein Ende des Leids möglich.

Mohammed Ismail ist eines von 28 Millionen Opfern. Er leidet unter den Kämpfen in seinem Heimatland Jemen, unter den Luftangriffen, dem Nahrungsmangel, der fehlenden medizinischen Versorgung im Bürgerkrieg. Der Beamte aus der Hauptstadt Sanaa wird schon lange nicht mehr für seine Arbeit bezahlt. Wie er seine Familie mit Taxifahren durchbringen soll, weiß er oft selbst nicht. Und damit gehört er im Jemen noch zu jenen, die Glück gehabt haben.

Denn das Leid vieler Jemeniten, deren Familien in vier Jahren Krieg zerrissen, deren Kinder verhungerten und deren Eltern an Seuchen starben, ist unvorstellbar. Doch die Hoffnung der Menschen inmitten der größten humanitären Krise der Welt flammt dieser Tage wieder auf. Das bitterarme Land auf der arabischen Halbinsel blickt nach Schweden, wo gestern neue Friedensgespräche zwischen Regierung und Rebellen begannen. Ein Ende des Desasters scheint möglich.

„Es gibt großen Optimismus dieses Mal, was den Erfolg der Konsultationen angeht“, sagt Ismail. „Die Konfliktparteien sehen sich genötigt, diese Krise zu beenden, die ihnen große Erschöpfung auf menschlicher, materieller und psychologischer Ebene eingebracht hat.“ Die Katastrophe müsse nun endlich überwunden werden. Daran klammern sich Ismail und seine Landsleute.

Auf Hilfe angewiesen

Es ist diese Hoffnung, von der die Menschen im Jemen zehren, denn Millionen haben sonst nichts, woran sie sich noch halten könnten. Mehr als drei Viertel der etwa 28 Millionen Einwohner sind nach UN-Angaben auf humanitäre Hilfe angewiesen. In vielen Regionen wurde die Infrastruktur zerstört, Krankenhäuser existieren dort nicht mehr.

„Zwölf Millionen Menschen stehen vor einer Hungersnot. Alle elf Minuten stirbt ein Kind“, sagte der Exekutivdirektor des UN-Welternährungsprogramms (WFP), David Beasley, zuletzt. In den vergangenen knapp vier Jahren starben in dem Konflikt nach UN-Angaben allein etwa 10 000 Zivilisten.

Viele der Unbeteiligten starben im Bombenhagel einer von Saudi-Arabien geführten Militärkoalition. Das Bündnis ließ den Konflikt im Jahr 2015 eskalieren, nachdem die Huthi-Rebellen weite Teile des Bürgerkriegslandes überrannt und die international anerkannte Regierung unter dem schwachen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi ins Exil gejagt hatten. Riad fürchtet die Rebellen an seiner Grenze, weil diese von seinem Erzfeind Iran unterstützt werden.

Auch Washington unter Zugzwang

Doch die vom Bündnis angekündigten Angriffe auf Huthi-Stellungen erwiesen sich oftmals als schlampig ausgeführt und trafen unzählige Zivilisten. Bilder von verwüsteten Hochzeiten oder Trauerfeiern gingen um die Welt. Im August sorgte das Bombardement eines Schulbusses, bei dem Dutzende Kinder starben, weltweit für Empörung.

Keines dieser Massaker aber vermochte so viel zu auszulösen wie der Tod eines einzigen Mannes: Der regierungskritische saudische Journalist Jamal Khashoggi wurde Anfang Oktober in Istanbul von einem Tötungskommando aus Riad umgebracht. Viele Hinweise deuten auf den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman als mutmaßlichen Drahtzieher.

Der Skandal brachte die saudische Regierung in die Defensive und Washington unter Zugzwang, die aggressive Außenpolitik seines engen Verbündeten einzuhegen. Seitdem der US-Druck für ein Ende der Kämpfe im Jemen zunahm, mehrten sich auch die Entspannungssignale. Die harten Kämpfe um die strategisch wichtige Hafenstadt Hudaida flauten ab, die Huthis kündigten ihrerseits an, Raketenangriffe einzustellen.

Am Montag schließlich machte die Militärkoalition den Luftraum über dem Jemen für einen Verletzten-Transport der Huthis frei – eine Bedingung der Aufständischen für Gespräche. Huthi-Delegationsleiter Mohammed Abdul Salam schlug beim Abflug mit UN-Vermittler Martin Griffiths nach Schweden dann ungewöhnlich versöhnliche Töne an: „Unsere Hände sind zum Frieden ausgestreckt.“

„Die Jemeniten sind bereit für den Frieden“, sagt zwar auch Friedensnobelpreisträgerin Tawakkul Karman. Die jemenitische Journalistin erklärte, dass dies aber vom Ende der Intervention der saudisch geführten Koalition sowie der iranischen Unterstützung für die Huthis abhinge. „Es geht hier mehr um eine Aggression von Außen, denn um einen Bürgerkrieg.“

Erst einmal Vertrauensbildung

Jemen-Experte Adam Baron vom Europäischen Rat für Auswärtige Beziehungen sieht für die Schweden-Gespräche dabei bessere Voraussetzungen als bei früheren Treffen, doch der Weg zum Durchbruch sei weit: „Es gibt positive Zeichen, aber einen vierjährigen Krieg zu beenden, der das Leben von 28 Millionen Menschen zerstört hat, hat eine ganz andere Tragweite.“ Es gehe nun erst einmal darum, Vertrauen zwischen den entfremdeten Konfliktparteien aufzubauen.

In Schweden werden dafür verschiedene Punkte auf der Tagesordnung stehen: die Öffnung des vom arabischen Bündnis blockierten Flughafens in Sanaa oder das Ende der Belagerung der Großstadt Tais durch die Rebellen genauso wie eine andauernde Waffenruhe in Hudaida und die dauerhafte Einstellung von Raketenangriffen der Huthis auf Saudi-Arabien.

Die wohl spektakulärste vertrauensbildende Maßnahme steht den Huthis zufolge dabei aber noch bevor und könnte in Kürze verkündet werden: Der weitere Austausch von Hunderten Gefangenen zwischen der Regierung und den Rebellen. Sollte dieser Austausch gelingen, wäre das ein Meilenstein auf dem Weg zum Frieden. Und ein Grund mehr für die Hoffnung der Menschen im Jemen.

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