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Asien Kleines Volk im Pazifischen Ozean fürchtet um seine Existenz / 10 000 Kilometer von Moskau entfernt nahe der japanischen Nordküste

„Der Fisch ist unsere Nahrung, unser Einkommen“

Die Niwchen sind ein kleines Volk auf Sachalin, Russlands größter und öl- wie gasreichster Insel im Osten des Landes. Sie leben von Fisch, aber den gibt es vor ihrer Tür immer weniger – wegen Erdöl und Überfischung.

Der Wind weht vom Westen her. Es sind minus 45 Grad Celsius. Ruslan Njawan streift seine knallorangenen Gummihandschuhe über, er nimmt das Netz, zieht die Handschuhe wieder aus, greift ins Wasser und ärgert sich. Über das gerissene Seil am Netz, über die kleinen Fische. Die wenigen.

Ruslan Njawan steht oft hier, in der Pomr-Bucht am Ochotskischen Meer, im eiskalten Winter wie im kühlen Sommer Nordsachalins. Die Fischerei ist sein Leben, seitdem er laufen kann. Er will nichts anderes, seine Vorfahren hatten schon so gelebt. Hatten Lachse gefischt, Stinte, Dorsche. Hatten Beeren gesammelt und Robben gejagt. Der 49-Jährige ist ein Niwch. „Mensch“ heißt das in seiner Sprache. Ein ruhiger Mann mit sanfter, tiefer Stimme.

Das „Land der Ahnen“ nennen Niwchen die Insel Sachalin. „Ych mif“, heißt es, am Rande der Welt. Hier, so sagt es die Wissenschaft, sollen bereits vor 12 000 Jahren Niwchen gesiedelt haben. Die Lebensgrundlage aber wird ihnen immer mehr genommen – weil große Fischereibetriebe ihre Netze weit draußen im Meer auswerfen, weil die teils veraltete Technik mancher Erdölförderer die Fischpopulation sinken lässt. Die Niwchen leben von dem, was übrig bleibt.

Nach drei Stunden Schneeschaufeln, Eisaufschlagen, Netze ziehen, nach der Kontrolle von drei Eislöchern von zwei mal einen Meter stehen Ruslan Njawan und sein Bruder Michail, so robust und rau wie die Natur um sie herum, vor einem Holzschlitten voller Fisch. In der Ferne sind Motorgeräusche von Schneemobilen sowie Hundegebell zu hören. „Kein guter Fang“, sagen die beiden Fischer. Wie das fast alle sagen in Nekrassowka, dem Ort, in dem die meisten der weltweit etwa 3 200 Niwchen leben.

Am Rande der Welt

Das Dorf ist knapp 10 000 Kilometer von Moskau entfernt. Fast neun Stunden Flug, eine Nachtfahrt im Zug, vier Stunden in dem einen Bus, etwa eine weitere Stunde in einem anderen Bus. An die 1000 Menschen leben dort, 700 davon sollen Niwchen sein. Ein kleiner Wald teilt den Ort mit elf Straßen, fünf Lädchen, einer Apotheke, der Internatsschule, einer aufgegebenen Kolchose und einem Jugendclub, der seit fünf Jahren in Bau ist. Unsicherheit macht sich breit: „Ohne das Meer, ohne den Fisch – was sind wir dann?“, fragen sich die Menschen. Auf Russisch. Das Niwchische ist schon so gut wie weg, die Sowjetzeit hat es zugrunde gerichtet.

„Der Fisch ist unsere Nahrung, unser Einkommen, unser Auskommen“, sagt Alexandra Njawan, die Frau des Fischers Ruslan, in ihrem Haus in der Schulstraße von Nekrassowka. In so manchem Winter verdient Familie Njawan mit dem Verkauf von Fisch gerade einmal 12 000 Rubel – umgerechnet etwa 160 Euro –, selbst für Nekrassowka ist das zu wenig. Die Entschädigung durch das Öl- und Gasförderkonsortium Sakhalin Energy, das vom russischen Gasriesen Gazprom kontrolliert wird, sei armselig. „Nicht einmal 100 Dollar pro Person im Jahr? Dafür, dass sie unsere Ressourcen zerstören?“

Die Gasflamme in Alexandra Njawans Küchenofen lodert. Die 52-jährige Zahnarzthelferin holt Bücher hervor, druckt Karten aus dem 19. Jahrhundert aus. Sie zeichnet Pfeile, Kreise, Punkte. Erklärt darauf, welchen Weg der Lachs zurücklegt, welche Bohrtürme wo stehen. „Alles niwchische Erde.“

Artikel 69 der russischen Verfassung besagt, dass „Völker, die in den traditionellen Siedlungsgebieten ihrer Vorfahren auf traditionelle Weise leben, ihrer traditionellen Wirtschaftsweise nachgehen, innerhalb der Russischen Föderation nicht mehr als 50 000 Angehörige aufweisen und sich selbst als eigenständige Gemeinschaften verstehen“, als „kleine indigene Völker des Nordens“ zu sehen sind.

Was ist „traditionell“?

Es ist vor allem das Wörtchen „traditionell“, das Probleme schafft. Was traditionell ist, wird im Gesetz nicht definiert. „Traditionell“ bedeutet für die meisten Russen, dass die Niwchen mit Netzen aus Brennnessel fischen, mit Hundeschlitten unterwegs sind, Kleider aus Fischhaut tragen und in Blockhütten auf Pfählen leben. Das aber kannte schon Alexandra Njawan nicht, die sich für „traditionelles niwchisches Leben“ einsetzt.

An sich, sagt Dmitri Lissizyn 900 Kilometer von Nekrassowka entfernt, sollten die Indigenen so viel Fisch fangen können, wie sie zum Leben brauchen. Der 51-jährige Naturschützer in Juschno-Sachalinsk, dem Hauptort der Insel, setzt sich seit den 1990ern für den Lachs ein – und so auch für die Indigenen. „Nur eines müsste sichergestellt sein: Alle anderen dürfen weniger fangen. Das System aber funktioniert bei uns nicht“, sagt er im Büro seiner Umweltschutzorganisation „Ökowacht“. So seien die Niwchen Wilderer, was bleibe ihnen schon?

Zudem gefährde das Erdöl den Fisch. Gerade „Rosneft“, der größte Erdölproduzent der Welt, der im Norden der Insel durch seine Tochterfirmen Bohranlagen betreibt, sei – durch das lange sowjetische Erbe bedingt – eine „gruselige Angelegenheit“, wie es Dmitri Lissizyn nennt. Das Öl sickere in den Boden, es gebe zuweilen Ölseen auf den Feldern. „Wir fordern von ihnen neue Technologien, es ändert sich nur langsam.“ Bei Sakhalin Energy greife ein anderer Mechanismus – der internationale Druck. Mittlerweile pflege das Unternehmen eine bessere Umweltstrategie. „Das Problem mit der Überfischung dagegen hat der Staat gar nicht im Griff.“ Der Lebensraum für den Lachs schwinde, sagt Dmitri Lissizyn im Süden der Insel.

Ähnliches sagt Alexandra Njawan im Norden der Insel. „Der Lebensraum für die Niwchen schwindet“, heißt es bei ihr und ihrem Mann Ruslan. „Ohne Fisch, ohne das Meer, ohne das Fischen . . .“ Ruslan Njawan, der Wortkarge, stockt. „Ohne das Fischen ist es kein Leben.“

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