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Pandemie I Keine andere Seuche hat einem Historiker zufolge in so kurzer Zeit so viele Menschenleben gefordert / In der Rhein-Neckar-Region schließen Schulen und bleiben Straßenbahnen stehen

Das große Sterben im Herbst 1918

Mörderische Epidemie: Im Oktober 1918 wütet die Spanische Grippe. Weltweit fallen ihr mindestens 20 Millionen Menschen zum Opfer. In Mannheim sind es in einem Jahr 585.

Es ist ein schrecklicher Tod: Die Opfer leiden unter qualvollem Husten, dabei spucken sie Blut und Eiter. Stöhnend vor Kopfweh wälzen sie sich im Bett herum, manchen fallen die Zähne oder Haare aus. Schmerzen beim Atemholen steigern sich zu blanker Atemnot, Gesichter färben sich erst rot, dann violett. Beginnt der ganze Körper schwarz zu werden, haben die Kranken nur noch Stunden zu leben.

Mindestens 20 Millionen sind es weltweit, die in den Jahren 1918 bis 1920 der Spanischen Grippe erliegen. „Keine Seuche in der aufgezeichneten Geschichte hat je in so kurzer Zeit so viele Menschenleben vernichtet“, urteilt der Medizinhistoriker Harald Salfellner. Zumal die Opferzahl möglicherweise mehr als doppelt so hoch liegt, denn zu Asien und Afrika, besonders schwer betroffen von der Epidemie, sind lediglich Schätzungen möglich.

In Deutschland, wo die Grippe auch nicht meldepflichtig war, errechnete das Reichsgesundheitsamt für das Jahr 1918 etwa 340 000 Todesopfer. 585 von ihnen hatten in Mannheim gelebt, laut einem Bericht des Statistischen Amtes der Stadt. Weitaus höher war die Zahl der an Grippe Erkrankten, bei denen die Krankheit einen zwar unangenehmen, doch glimpflichen Verlauf nahm. Ein Drittel der Mannheimer Bevölkerung soll im Juli 1918 infiziert gewesen sein.

Das war zur Zeit der ersten, noch vergleichsweise harmlosen Welle der Spanischen Grippe. Ihren Ausgang hatte sie Anfang 1918 in den USA genommen. Mit US-Truppentransporten nach Frankreich gelangt, verbreitete sich das höchst ansteckende Übel dort in Windeseile unter den alliierten Soldaten des Ersten Weltkriegs. Und setzte bald auch auf der anderen Seite der Front Zehntausende deutscher Soldaten vorübergehend außer Gefecht.

Kein Wort davon stand in den unter Militärzensur stehenden Zeitungen, weder in Deutschland noch in Frankreich. Öffentlich zum Thema wurde die Krankheit darum erst auf dem Umweg über Meldungen aus dem neutralen Spanien, wo sie Ende Mai 1918 massenhaft um sich griff. Daher trägt die „spanische“ Grippe ihren durchaus irreführenden Namen.

Kaum hat sich die Lage im Sommer 1918 normalisiert, entfaltet das aggressive Virus in einem zweiten Anlauf im Oktober seine volle mörderische Kraft. Wieder befällt die Grippe scharenweise, wie überall in Deutschland und der gesamten Welt, die Menschen der Rhein-Neckar-Region. Sie verspüren eine plötzliche Mattigkeit, bekommen Schüttelfrost, Schwindelanfälle und hohes Fieber.

Nicht selten müssen ganze Familien das Bett hüten. In vielen Schulen der Pfalz fällt angesichts halb leerer Bänke der Unterricht aus. In Heidelberg etwa meldet sich die Hälfte des Post-Personals krank, bei der Straßenbahn in Mannheim und Ludwigshafen wird wegen der Fehlzahlen der Fahrbetrieb eingeschränkt. Aus dem gleichen Grund muss Mannheims Allgemeine Ortskrankenkasse Mitte des Monats die Auszahlung des gerade jetzt dringend benötigten Krankengelds um eine Woche verschieben.

Zugleich mehren sich in diesem Oktober 1918 die Todesanzeigen in den Zeitungen, in denen von einem „kurzen, schweren Leiden“ die Rede ist; „schnell und unerwartet“ habe eine „heimtückische Krankheit“ den oder die Verstorbene hinweggerafft. Oft sind die so umschriebenen Opfer der Grippe nicht etwa Kleinkinder oder Alte, sondern Menschen in den besten Jahren zwischen 20 und 50. Das ist das vielleicht verstörendste Merkmal der Krankheit: Gegen sie schützt keine noch so gesunde Konstitution. Und hat diese Grippe den Körper erst mal geschwächt, droht ihn zudem eine Lungenentzündung zu befallen – die in den meisten Fällen den Tod bedeutet.

Dem Gefühl des Ausgeliefertseins an ein willkürlich zugreifendes Schicksal wird seitens des Staates nicht abgeholfen. Die Reaktion der Behörden ist selbst hilflos, beschränkt sich auf belehrende Ratschläge auf den Innenseiten der Zeitungen, wie Ansteckungen zu vermeiden seien: häufiges Händewaschen, nicht anhusten lassen und mehrmals täglich Salzwasser gurgeln. Denn ein Medikament gegen die Grippe hat die Medizin damals noch nicht gefunden.

Um so eifriger sucht das Publikum in seiner Verzweiflung nach Gegenmitteln. „Einen großen Suppenteller voll Salat von roten Rüben zu essen“ könne über Nacht fieberfrei machen, verspricht eine Notiz im Ludwigshafener „General-Anzeiger“. Oder auch „den Geruch von Zwiebelsaft durch die Nase einziehen“ – „Probieren!“ empfiehlt die Redaktion. Es fehlen auch nicht die „gesundheitsfördernden Eigenschaften des Weines“: 1000 Liter spendet, unter ärztlicher Vermittlung, eine Weingroßhandlung im pfälzischen Neustadt Anfang November 1918 bedürftigen Bürgern.

Die zweite Welle der Spanischen Grippe ist da bereits im Abflauen begriffen. In der Wahrnehmung der Deutschen wird sie rasch überlagert von anderen bedrängenden Ereignissen. Dass man den Ersten Weltkrieg verloren hat, wird mit Unterzeichnung des Waffenstillstandes am 11. November 1918 zur schmerzlichen Gewissheit. Und zwei Tage zuvor hat der Thronverzicht Kaiser Wilhelms II. unter dem Druck revolutionärer Unruhen die Umwandlung Deutschlands in eine Republik besiegelt. Am 20. November notiert der Heidelberger Geschichtsprofessor Karl Hampe in sein Tagebuch: „Die Zeit der Grippe scheint schon wieder weit hinter einem zu liegen.“

Das bleibt auch so, obwohl im Frühjahr 1919 noch eine dritte Welle der Spanischen Grippe die junge Republik in Mitleidenschaft zieht. Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen ist eine Erinnerung an die Epidemie, im Gegensatz zu den USA, heute kaum mehr vorhanden.

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