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Migration Orte an der südspanischen Küste sind bei der Versorgung Tausender Menschen weitgehend auf sich allein gestellt / Regierung sucht Lösung auf europäischer Ebene

Ärmste Region Spaniens hilft freiwillig Flüchtlingen

Berlin und Madrid haben sich darauf geeinigt, dass Asylsuchende nach Spanien zurückgeschickt werden können. Aber schon jetzt ist das Land mit den vielen Migranten überlastet.

Die 15-jährige Claudia steht auf dem Kirchplatz von Los Barrios und schmiert Brötchen. Es sind Ferien in Spanien, und seit ein paar Tagen kommt die Schülerin hierher, um mit anderen Freiwilligen anzupacken. Die Verwaltung des Städtchens unweit der Meerenge von Gibraltar im Süden des Landes hat ihre Bürger um Hilfe gebeten. Jede Hand wird benötigt. Seit Ende Juli sind 600 Menschen auf dem nahegelegenen Sportgelände Andres Mateo untergebracht. Menschen, die von Afrika kamen mit nichts, was man zum Überleben braucht. Nichts zu essen, nichts zu trinken, sowieso keine Zahnpasta, kein Toilettenpapier oder frische Kleidung. Es sind viele Kinder dabei und Frauen, manche von ihnen schwanger.

Ohne Claudia und die Hilfsbereitschaft der anderen Einwohner müssten die Flüchtlinge wohl hungern. Auch der stellvertretende Bürgermeister José Antonio Gómez hilft in erster Reihe. Er verstaut Kisten voller Äpfel, die jemand gespendet hat, auf einem Kleinlaster. Danach greift er zum Besen und fegt den Müll zusammen. „Wir sind hier völlig auf uns allein gestellt bei der Versorgung der Menschen“, sagt Gómez. Von morgens um 8 Uhr bis spät in den Abend koordiniert der parteilose Politiker den Hilfseinsatz. Nur zwischendurch eilt er ins Büro. Aber er will nicht klagen und macht niemandem Vorwürfe. Jetzt gehe es nur darum, den Leuten zu helfen, sagt er.

Lebensgefährliche Überfahrt

Die Flüchtlinge, die vornehmlich aus dem subsaharischen Afrika stammen, wurden in den vergangenen Tagen an den Küsten der Region aufgegabelt und hierher gekarrt. Die Windbedingungen vor Gibraltar waren oft günstig in diesem Sommer, deshalb versuchten Tausende die lebensgefährliche Überfahrt von Marokko nach Europa in Schlauchbooten und kleinen Holzkähnen. Sie landeten an Stränden und Häfen überall in Andalusien, in Málaga, in Algeciras, am südlichsten Zipfel des Festlandes in Tarifa und auch weiter nördlich an der Atlantikküste. Aber nicht immer sind es Afrikaner aus Gebieten südlich der Sahara. Ein Video macht die Runde, das zeigt, wie am angrenzenden Sandstrand in dem kleinen Fischdörfchen Barbate ein Holzboot voll mit mehreren Dutzend Marokkanern ankommt.

Die Zahl der Neuankömmlinge in Spanien hat sich drastisch erhöht, auch weil Italien seine Grenze dichtgemacht hat. 23 500 sind es in diesem Jahr schon, mehr als im gesamten Jahr 2017. Die andalusische Regierung weiß nicht mehr, wohin mit ihnen. Bisher fehlt ausreichend Unterstützung aus der Hauptstadt Madrid. „Es gibt keinen Plan. Wir haben keine Strukturen und Ressourcen, um die Versorgung zu garantieren. Es gibt zu wenig Übersetzer, die Französisch oder Englisch sprechen, um die Formalien zu erledigen“, sagt Anabel Quiroz, eine Mitarbeiterin einer örtlichen Hilfsorganisation.

Zu wenige Beamte der Polizei und der Guardia Civil sprechen eine Fremdsprache. Die Migranten müssen deshalb ein Papier unterschreiben, dessen Inhalt die meisten nicht verstehen. Darin bestätigen sie, dass sie der Massenunterbringung auf der Sportanlage in Los Barrios zugestimmt haben. Als illegale Einwanderer wären sie sonst in einer Gefängniszelle mit festen Mahlzeiten und einem Bett gelandet. Jetzt übernachten alle auf Decken auf dem nackten Erdboden.

In der nahegelegenen Küstenstadt Algeciras hat der bürgerlich-konservative Bürgermeister die Südküste schon zum neuen Lampedusa erklärt. Doch seine Kritiker werfen ihm Populismus vor. Die kleine italienische Insel mit wenigen Tausend Einwohnern könne man nicht vergleichen mit einem riesigen Landstrich und Millionen von Bewohnern. Kürzlich war der Innenminister der sozialistischen Minderheitsregierung, Fernando Grande-Marlaska, in Algeciras. Sein Urteil: „Die Lage ist absolut unter Kontrolle.“

Länger in Polizeigewahrsam

Dennoch bleiben die Flüchtlinge viel länger, als von der Europäischen Union (EU) vorgesehen, in Polizeigewahrsam, weil es der Region an Personal fehlt. Normalerweise müssen Migranten binnen 72 Stunden amtlich erfasst und medizinisch versorgt werden. Im Lager in Los Barrios klagen viele über Verstopfung, weil sie jeden Tag das gleiche essen. Morgens Kekse mit Milch, mittags und abends ein Brötchen und etwas Obst. Mehr können die Bewohner von Los Barrios kaum entbehren. Andalusien ist Spaniens ärmste Region mit hoher Arbeitslosigkeit.

Das wissen viele Flüchtlinge hier nicht. Sie sind fest davon überzeugt, dass Europa so reich sei und gut organisiert, dass jedem Migranten ein zivilisiertes Leben ermöglicht werden könnte. Citta ist 23. Er stammt aus Sierra Leone. Seine Eltern sind tot. Er will sich in Europa ein neues Leben aufbauen, um seine daheimgebliebenen Schwestern versorgen zu können. Er und elf andere junge Männer haben sich in Marokko für einen Wucherpreis von mehreren Hundert Euro ein winziges Schlauchboot gekauft und sind hinübergepaddelt nach Europa. Als sie erfahren, dass ihr Recht auf einen Verbleib in der EU nicht selbstverständlich ist, sondern einzeln geprüft wird, blicken sie sprachlos in die Runde. „Das kann doch nicht sein“, sagt Citta ungläubig. „Die schicken uns in den Tod.“ Sie alle waren fest davon ausgegangen, dass jeder automatisch seine Chance bekommt, wenn er bereit ist, sein Bestes für Europa zu geben.

Für den Augenblick noch zählen aber nur die täglichen Bedürfnisse, die dank der Spenden und freiwilligen Helfer erfüllt werden können. Mehr öffentliche Hilfe läuft langsam an. 20 Autominuten von Los Barrios entfernt in San Roque will die Nationalpolizei ein altes Schiffslager mit 400 Feldbetten ausstatten. Vor allem Frauen und Kindern sollen dort untergebracht werden.