Vermischtes

Gesundheit Modellprojekt für mehr Schutz gegen Virus / Kritik von Ärzteschaft

Zur Grippe-Impfung bald in die Apotheke?

Mannheim.Während die Welt nach einem Corona-Impfstoff sucht, ist er für die Grippe längst gefunden. Impfen ließen sich in der Saison 2016/17 aber nur rund ein Drittel der über 60-Jährigen. Künftig soll ein Gang in die Apotheke genügen. Dort sind Grippeschutzimpfungen seit März gesetzlich erlaubt, zunächst allerdings nur in Pilotprojekten.

Die Vorstellung eines Apothekers mit Spritze ist bemerkenswert. In 20 Ländern, darunter Großbritannien, die Schweiz und neuerdings Frankreich ist sie schon Alltag. Hierzulande fallen die restlichen Hürden: In diesen Wochen passen viele der bundesweit 17 Apothekerkammern ihr Berufsrecht an. Die Delegierten in Baden-Württemberg stimmten bereits für eine Satzungsänderung. Auch ein Schulungskonzept liegt vor: In acht Stunden soll aus einem Apotheker ein impfender Apotheker werden.

Was noch fehlt, ist die Finanzierung: „Mehrere Apothekerverbände stehen aktuell auf Landesebene in Kontakt mit Krankenkassen“, so ein Sprecher der ABDA, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. „Wir hoffen, dass daraus dieses Jahr noch erste Modellprojekte entstehen.“ In Baden-Württemberg wird damit wohl erst nächste Impfsaison 2021/22 zu rechnen sein, schätzt der Landesapothekerverband dort. Das Projekt sei durch Corona „auf die Wartebank“ geraten. Dennoch seien die Voraussetzungen im Südwesten gut: „Wir sind eigentlich ein tolles Projektland“, sagt ein Sprecher des Landesverbands. Die Gesetzlichen Krankenversicherungen würden hier allen Versicherten die Impfung erstatten, nicht nur den Risikogruppen. Noch ein weiterer Aspekt spricht dafür: „Wir liegen wahrlich nicht vorn bei der Durchimpfungsrate“, so der Sprecher. In Baden-Württemberg lassen sich nur knapp ein Viertel der über 60-Jährigen gegen die Grippe impfen – der deutsche Schnitt liegt bei 35 Prozent. Die Europäische Union empfiehlt eine Quote von 75 Prozent.

Ohne Wartezeiten in Arztpraxen

Doch das Vorhaben sorgt für einen Aufschrei der Ärzte in ganz Deutschland: Eine Impfung sei mehr als nur ein „Pieks“, warnt Wolfgang Miller von der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Es gehöre „in die Hand des Arztes“, die Impffähigkeit einer Person festzustellen und Risiken zu überschauen und zu beherrschen, meint der Kammerpräsident. Das Impfen geschehe in Arztpraxen problemlos ohne lange Wartezeiten.

Die ABDA relativiert diese Sorgen: „Unsere Zielgruppe sind Personen, die nicht extra in Arztpraxen gehen würden für eine Grippeimpfung.“ Man folge einem gesetzlichen und gesellschaftlichen Auftrag und sei nicht mit der Ärzteschaft in Streit um Kompetenzbereiche. Trotzdem – zumindest in Baden-Württemberg bevorzugt man den Schulterschluss mit den Ärzten: Das Projekt mache gegen den Willen einer wichtigen Berufsgruppe im Gesundheitswesen nur bedingt Sinn, so der Landesapothekerverband. Weitere Gespräche der Berufsgruppen seien nötig –auch wenn die Ärzte keine „Partner im vertraglichen Sinne“ seien.

Die Apotheker selbst sind geteilter Meinung. Letzten Juli war laut Apothekenklimaindex der ABDA rund ein Drittel der befragten Apothekeninhaber für das Grippeimpfen. Damals gab es noch kein Gesetz. Und heute? „Warum nicht, wenn wir geschult sind?“, meint Christian Jung, Inhaber der Mannheimer Hof-Apotheke. „Dann müsste nicht jeder für eine Grippeimpfung in ein volles Wartezimmer.“

Seine Kollegin Felicitas Hauswirth, Inhaberin der Römer-Apotheke, ist skeptisch: „Impfen gehört nicht zu unserer Kompetenz, unser Bereich sind die Arzneimittel.“ Fatih Oral von der Europa-Apotheke gibt zu bedenken, dass es für viele Apotheker wohl auch auf die Vertragsbedingungen mit den Kassen ankäme. Der Landesapothekerverband Baden-Württemberg hatte nach eigenen Angaben erste Sondierungsgespräche mit einer Kasse geführt, die Verhandlungen hätten noch nicht begonnen.

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