Vermischtes

Literatur Antje Baumann erklärt pünktlich zum 30. Jahrestag der Einheit in einem neuen Buch 50 Begriffe aus der DDR

Mit der Schwalbe zur Datsche

Berlin.Ein recht zuverlässiger Ost-West-Sprachtest ist die Frage: Wie macht die Ente? Wessis meinen „Quak, quak“, Ostdeutsche dagegen „Nak nak nak“, denn „Quak“ mache doch der Frosch. „Nak nak“ geht wohl auf Schnatterinchen aus dem DDR-Kinderfernsehen zurück.

Eltern geben die lautmalerische Lehre bis heute an Kinder weiter. In einem Buch des Dudenverlags über die Sprache in der DDR – passend zum 30. Jahrestag der Einheit – geht es aber weniger um Kindersprache. Autorin Antje Baumann erklärt in „Mit der Schwalbe zur Datsche – So sprach der Osten“ 50 Begriffe aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Die Liste reicht vom Ausdruck „Antifaschistischer Schutzwall“, der die tödliche Mauer kaschieren sollte, bis hin zum gesamtdeutschen Phänomen „Westpaket“.

Die „Datsche“ aus dem Titel ist eines von etlichen Wörtern, die aus dem Russischen („datscha“ für kleines Sommerhaus) in den DDR-Sprachgebrauch gelangten. Die „Schwalbe“ ist nicht irgendein Moped, sondern ein viel verkauftes Zweirad aus dem Suhler Volkseigenen Betrieb (VEB) Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Simson.

Nachteile für „Bausoldaten“

Als sogenanntes Schibboleth (sprachliches Erkennungszeichen) funktioniert auch der „Kindertag“: „Wenn Sie meinen, der Kindertag sei irgendwann im September, haben Sie nicht in der DDR gelebt. Dort wurde der Kindertag, anders als in Westdeutschland, immer groß gefeiert, und darum wusste jedes Kind: Am 1. Juni gibt es keinen Schulunterricht, dafür Lieder, kleine Geschenke und Kinderfeste.“

Baumann erklärt auch, was „Bausoldaten“ waren: Von 1964 bis 1989 verweigerten demnach etwa 15 000 Männer aus ethischen Gründen den Dienst an der Waffe. Wehrdienstverweigerern drohte aber Haft. Als Ersatz mussten die Männer militärische Anlagen bauen – getrennt von den anderen Soldaten. Die Sozialisitische Einheitspartei Deutschlands sah diese Leute als „feindlich-negative Kräfte“ und schränkte ihre Berufs- und Studienchancen ein. Zu erkennen waren sie am Spaten auf der Schulterklappe.

Die „Eingabe“ war in der DDR ein Beschwerdemittel: Die Verfassung von 1961 gestand jedem das Recht zu, sich mit Eingaben – also mit Hinweisen, Beschwerden, Vorschlägen – an staatliche Organe zu wenden.

Die „Freikörperkultur“ war in der DDR ein Stück Freiheit: „Nicht jeder ging nackt baden, wie es das Klischee verlangt. Aber tatsächlich breitete sich das Nacktbaden in der DDR trotz anfänglichen Widerstands der Regierung stark aus, während man andernorts – etwa in der Sowjetunion – dafür verhaftet werden konnte.“ Natürlich ist FKK älter als die DDR, stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Klassiker sind „Intershop“ und „Kaufhalle“, also zum einen Läden, in denen es Westwaren gegen Devisen gab, und zum anderen die Entsprechung des Supermarkts – „allerdings nur in räumlicher Hinsicht, denn das Warenangebot unterschied sich doch sehr und wurde fast werbefrei und zu stabilen Preisen dargeboten“.

25 Millionen „Westpakete“ jährlich

Nicht zu vergessen beim DDR-Sprech sind natürlich die „Jugendweihe“ und die „Poliklinik“ – also zum einen die feierliche Veranstaltung in der 8. Klasse, mit der Jugendliche in den „Kreis der Erwachsenen“ aufgenommen wurden, als Gegenentwurf zu kirchlichen Weihen; und zum anderen die Praxis, in der Allgemein- und Fachärzte unter einem Dach praktizierten und sich dabei etwa teure medizinische Geräte teilten.

Längst haben Ostdeutsche gelernt, Plastik statt „Plast“ oder „Plaste“ zu sagen. Die soziolinguistische Erklärung dafür sei, dass stets die kleinere oder unterprivilegierte Gruppe beide Sprachvarianten lerne. Aus Plaste wurde in der DDR vieles hergestellt – sogar ein Auto.

Und dann war da natürlich auch noch das bekannte „Westpaket“: Bis zu 25 Millionen wurden jährlich verschickt. Damit seien diese Pakete, meist mit Kaffee, Schokolade, Feinstrumpfhosen und Kosmetika, ein von der DDR fest einkalkulierter Wirtschaftsfaktor gewesen. Genaue Kontrollen ließen die Pakete teilweise etwa bis zu sechs Wochen unterwegs sein. dpa

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