Vermischtes

Nachruf Zeichner Tomi Ungerer im Alter von 87 Jahren gestorben / Elsässer schrieb auch Kinderbücher wie die „Die drei Räuber“.

Ein feinfühliger Provokateur

Paris.Wer so intensiv gelebt hat wie Tomi Ungerer, wer die Welt bereist hat, immer neue Kunstformen ausprobierte und dahinter stets dieselbe ironisch-lebensbejahende Philosophie stellte – für den mag das Sterbenmüssen nur eine Etappe darstellen. So schilderte er es selbst 2016 in einem Interview. „Der Tod ist ein Ereignis wie die anderen auch“, sagte Ungerer der Zeitung „Le Monde“. „Ich sehe ihn wie einen Grenzkontrolleur: Man kann davor stehen, ohne zu wissen, was uns auf der anderen Seite erwartet. Wer weiß, es wird vielleicht ein riesiger Regenbogen sein.“ Sei es nicht wunderbar, nicht zu wissen, wohin man geht?

An diesem unbekannten Ort befindet sich der französische Zeichner, Illustrator und Autor nun, der in der Nacht zum Samstag im Haus seiner Tochter im irischen Cork gestorben ist. Und der in seine 87 Jahre Leben so viel gepackt hat – er lebte ein „Märchen, mit all seinen Monstern“, wie er es ausdrückte. Dreimal heiratete er, war Vater von vier Kindern, überstand drei Herzinfarkte und eine Krebserkrankung. Angesichts seines umfang- und facettenreichen Werks würdigten ihn seine Freunde und Kollegen nun als „Universalgenie“, Präsident Emmanuel Macron lobte ihn dafür, dass er immer „die Fantasie, den Humor, die Zärtlichkeit und die Frechheit hochhielt“.

Mehr als 40 000 Zeichnungen

Ungerers Federstrich war so feinfühlig wie provozierend, politisch wie philosophisch. Er setzte sich gegen Rassismus und für die deutsch-französische Verständigung ein, war ein großer Kinderbuchautor mit Werken wie „Die drei Räuber“, schuf erotische Zeichnungen wie im „Kamasutra der Frösche“. In Deutschland bekannt ist „Das große Liederbuch“, eine illustrierte Sammlung von Volks- und Kinderliedern. Mehr als 40 000 Zeichnungen hat Ungerer angefertigt, mehr als 150 Bücher veröffentlicht, hinzukommen Plakate, Lithographien, Skulpturen, Collagen.

Ein Teil seines Werks, das er Straßburg überlassen hat, ist in dem 2007 dort eröffneten Tomi-Ungerer-Museum zu sehen. Hier wurde Jean-Thomas, kurz „Tomi“, 1931 als jüngstes Kind einer angesehenen Uhrmacherfamilie geboren. Im Alter von dreieinhalb Jahren verlor er seinen Vater Théodore, Uhrmacher und Künstler. Einige Jahre später besetzten die Nazis das Elsass und verboten, in der Schule Französisch zu sprechen, wo Jean-Thomas zeitweise zu „Hans“ wurde. Er rächte sich heimlich mit boshaften Hitler-Karikaturen, bediente sich an der Illustrations-Ästhetik der Nazis, um deren Faschismus mit ihren eigenen Mitteln zu bekämpfen.

Nach Kriegsende ging die Gängelung weiter, als wiederum die Franzosen den elsässischen Dialekt untersagten – für Ungerer ein „kulturelles Verbrechen“. Als junger Mann reiste er herum, bis er mit 24 und angeblich „nur 60 Dollar und einem Zeichenblock in der Tasche“ in die USA ging. Schnell hatte er Erfolg, renommierte Blätter wie „Harper’s Magazine“, „Life“ und „New York Times“ druckten seine Zeichnungen.

Züchter von Schafen und Ziegen

Er arbeitete für die Werbeindustrie, nahm aber auch politisch Stellung mit Plakaten gegen den Vietnam-Krieg oder die Rassentrennung. Die New Yorker Intellektuellenszene veräppelte er in der Gesellschaftssatire „The Party“. Völlig verscherzte er es sich in Amerika mit der Veröffentlichung des pornografischen Buchs „Fornicon“ und seiner zornigen Reaktion auf die bigotte Entrüstung in einer Konferenz: „Wenn die Leute nicht ficken würden, gäbe es gar keine Kinder!“ Er wurde Persona non grata – und war stolz darauf. Er ging zunächst nach Kanada und 1976 nach Irland, wo er sich neben seiner Kunst dem Züchten von Schafen und Ziegen widmete. Unter anderem erhielt Ungerer den Christian-Andersen-Preis (1998), das Bundesverdienstkreuz (2008) und wurde 1990 zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat den verstorbenen Künstler Tomi Ungerer als überzeugten Elsässer und Europäer gewürdigt. Er habe sich am Oberrhein mit großem Engagement für gute nachbarschaftliche Beziehungen eingesetzt, betonte Kretschmann gestern in Stuttgart. „Ich habe ihn als einen kraftvollen und scharfsinnigen Menschen erlebt, der mit Leib und Seele sowie einer großen Portion Schalk sein Wirken als Grafiker und Autor auslebte.“ (mit dpa)

Zum Thema