Rhein-Neckar Löwen

Handball Der 21-jährige Jerry Tollbring ist erst seit wenigen Wochen ein Löwe - und nach starken Leistungen schon Publikumsliebling

Erfahrener Jungspund

Archivartikel

mannheim.Im Sommer war er dann plötzlich da. Mit Gepäck, aber ohne eigene Wohnung. Jerry Tollbring stürzte sich ganz unbedarft, vielleicht sogar ein wenig unvorbereitet in das Abenteuer Handball-Bundesliga bei den Rhein-Neckar Löwen, was grundsätzlich erst einmal nichts Schlechtes sein muss. Ein bisschen Leichtigkeit hat schließlich noch keinem Spitzensportler geschadet. Der 21-jährige Schwede mit diesem stets unschuldigen Gesichtsausdruck kam zunächst bei seinen schwedischen Landsleuten im Löwen-Trikot unter. Erst wohnte er bei Andreas Palicka, dann bei Mikael Appelgren.

"Zusatzväter" in der Mannschaft

"Wir waren zwei Zusatzväter für ihn", scherzt Palicka, dessen Familie im Sommer verreist war und der mit seinem Untermieter ebenso keine Probleme hatte wie anschließend Appelgren. Letzterer freute sich sogar über die Erfahrung, die ihm vielleicht irgendwann noch einmal weiterhilft: "Es war ein gutes Training für mich. Andreas ist ja schon Vater, ich noch nicht."

Wer den jungen Tollbring so sieht, macht tatsächlich etwas Kindliches an ihm aus. Im persönlichen Gespräch wirkt er vorsichtig und zurückhaltend, hier und da sogar ein bisschen unsicher. Die Bundesliga, die Medien, die großen Arenen. Ein neues Land, eine neue Sprache, eine neue Kultur. Die faszinierende deutsche Handball-Welt ist verständlicherweise etwas ungewohnt für ihn, wovon auf dem Feld allerdings seit dem ersten Tag nichts zu sehen ist. Wenn das Spiel beginnt, taucht der Rechtshänder in seine eigene Welt ein, konzentriert sich auf den nächsten Wurf, den nächsten Pass, die nächste Abwehraktion. Und das alles mit einer Routine und Extraklasse, die für einen 21-Jährigen zweifelsohne außergewöhnlich ist.

Zuletzt zeigte der Schwede das am Donnerstag, als er beim 37:22-Erfolg der Löwen über GWD Minden acht seiner neun Versuche im Tor unterbrachte und dabei nicht immer auf seinen Trainer hörte. "Nikolaj Jacobsen hat gesagt, ich soll aufs lange Eck werfen. Es hat mit dem kurzen aber auch ganz gut geklappt", meinte Tollbring, der nur 1,82 Meter misst, aber auf der Platte ein ganz Großer ist. Rotzfrech nutzte der Rechtshänder gegen die Ostwestfalen seine Chancen. Mal traf er schnörkellos, mal trickreich. Die Konsequenz: Schon in seinem ersten Heimspiel feierten die Fans ihn mit Sprechchören, was dem Sportlichen Leiter Oliver Roggisch ein Grinsen ins Gesicht zauberte: "Jerry ist unglaublich und ganz sicher im Abschluss - selbst wenn der Winkel noch so klein ist."

Hoch und weit springt er stets Richtung Tor und schaut genau, was der gegnerische Schlussmann macht. Die Entscheidungsgewalt liegt dann einzig und allein bei ihm, was nichts anderes als die ganz hohe Schule und richtig abgezockt ist. "Dem Jerry schlottern nicht die Knie", sagt Kapitän Andy Schmid mit Blick auf die Gelassenheit des Linksaußen: "Der sieht jung aus und ist auch noch jung - aber er spielt schon wie ein alter Profi." Ein Lob, das Tollbrings Club- und Nationalmannschaftskollege Appelgren nur bestätigen kann: "Er sieht zwar wie ein kleiner Junge aus. Aber wenn du ihn auf dem Spielfeld beobachtest, dann ist er der Wahnsinn. Der springt Richtung Tor und legt den Ball am Kopf von Weltklasse-Torhütern wie Arpad Sterbik vorbei. Da könnte man schon meinen, er sei ein echter Superstar. Es ist beeindruckend, wie er spielt."

Jacobsens Herz geht auf

Das bekamen die Löwen in der Vergangenheit mehrfach zu spüren, als Tollbring ihnen im Trikot von IFK Kristianstad in der Champions League regelmäßig Probleme bereitete. Und auch auf der ganz großen Bühne bewies der Schwede seine Nervenstärke. Bei den Olympischen Spielen 2016 verwandelte der Linksaußen alle sieben Strafwürfe gegen die deutschen Weltklasse-Torhüter Andreas Wolff und Silvio Heinevetter, fünf Monate später wurde er ins All-Star-Team der WM gewählt.

Keine Frage: Dieser Tollbring ist schon jetzt ein Ausnahmespieler, der gewiss eine großartige Zukunft vor sich hat. "Er ist schnell, clever, hat viele Wurfvarianten, ein gutes Spielverständnis. Jerry ist noch nicht ganz in die Weltklasse vorgestoßen, wird in den nächsten Jahren aber ganz sicher in diesen Bereich kommen", sagt Trainer Jacobsen, der selbst einmal ein Weltklasse-Linksaußen war und dem das Herz aufgeht, wenn er über seinen Neuzugang spricht: "Er ist einfach ein richtig Guter." Noch dazu hat der Schwede nun auch eine Wohnung gefunden: Tollbring lebt in der Heidelberger Altstadt - übrigens ganz in der Nähe von Appelgren.

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