Reise

Strahlende Wasser

Archivartikel

Bad Steben lag früher abgeschieden im Zonenrandgebiet. Heute punktet das Städtchen mit einer fast unberührten Natur. Und natürlich mit natürlichen Heilmitteln gegen Zipperlein aller Art.

Wir waren das, was Söder jetzt wieder einführen will“, sagt Otto Öder. Dem 73-jährigen Mann mit der strengen Frisur und dem klaren Auftreten ist sein früherer Beruf als bayerischer Grenzpolizist anzumerken. Was in anderen Bundesländern der Bundesgrenzschutz übernommen hatte, führten in Bayern bis zur Wende 1990 normale Polizisten aus.

Otto Öder sitzt im Gasthof Adelskammer in Carlsgrün, dem ältesten noch bewirtschafteten Gasthaus im Frankenwald. Eben saß er noch draußen bei den anderen Männern am Stammtisch, jetzt berichtet er voller Enthusiasmus und Wissen um seine Bedeutung als Zeitzeuge über die Jahre, als er 1,5 Kilometer von dem Gasthaus entfernt Wache an der deutsch-deutschen Grenze schob. Während der 25 Jahre im Dienst hat er viel Langeweile erlebt, aber auch Geschichtsträchtiges, wie etwa die Flucht von Günther Wetzel, der im September 1979 mit dem Ballon über Bad Steben hinweg in die Freiheit gelangte. Heute organisiert Öder regelmäßige Treffen von ehemaligen Grenzern, zu denen inzwischen rund 100 ehemalige DDR-Soldaten und bayerische Grenzpolizisten kommen. Nostalgie und Vergangenheitsbewältigung – beides klingt in seinen Erzählungen an.

Von der Anhöhe oberhalb von Carlsgrün schweift der Blick hinüber nach Thüringen. Hier war vor 28 Jahren das Ende der westlichen Welt - heute ist die Grenze eine wenig besuchte Attraktion. Der Todesstreifen, in dem früher Selbstschussanlagen und Stacheldrahtzäune die beiden deutschen Staaten trennten, ist heute ein grünes Band – ein Biotopverbund aus offenen sowie verbuschten Lebensräumen. Auf 15 länderübergreifenden Erlebnisrouten lassen sich Natur und Geschichte erkunden.

Nach Bad Steben zurück geht es durch blühende Landschaften: Wiesen voller Kräuter und Blumen wie Baldrian, Johanniskraut, Margeriten, Glockenblumen und Lichtnelken. Darüber flattern Schmetterlinge, brummen Käfer, summen Bienen und schweben zahllose Insekten. Was für ein Erlebnis. An einer Weggabelung steht eine Gruppe und bewegt sich im Gleichklang. Die Teilnehmer balancieren im Wechsel auf einem Bein, heben das andere gestreckt hoch. Was leicht aussieht, erweist sich als ganz schön schwierig. Brigitte Schmid leitet die Gesundheitswanderung an, die von den Besuchern der Kurstadt gerne angenommen wird.

Im Café des Gesundheitszentrums Bad Steben sitzt Dr. Gerhart Klein (75) auf der Terrasse. Dass Klein seit Mitte der 1980er Jahre in Bad Steben als Kardiologe und Internist praktizierte und er heute der Vorsitzende des Kurortforschungsvereins ist, hängt mit einem Ärzteausflug vor zig Jahren nach Bad Kreuznach zusammen. Damals litt der Mediziner an Schmerzen in der Hüfte. Doch kurios: Nach dem Besuch im Stollen in Bad Kreuznach waren die Schmerzen wie weggeblasen. Der Mediziner stutzte – das hatte er nicht erwartet. Er beschäftigte sich fortan mit der heilenden Wirkung von Radon und kam später als Mediziner nach Bad Steben.

Dort ist Radon neben Naturmoor und Kohlensäure eines der Heilmittel. Seit 30 Jahren führt Klein inzwischen Studien über die Wirkung von Radon durch. Radon, das radioaktive Gas, ist ein Bestandteil der Tempelquelle in Bad Steben. Durch Baden im Wasser, Einatmen der Badeluft und durchs Trinken gelangt das strahlende Gas in den Körper, stimuliert Stoffwechsel, Blut- und Nervensystem, setzt Endorphine frei. Nachgewiesen sei, dass bei zwei Drittel der Patienten die Schmerzen bei rheumatischen Erkrankungen gelindert werden, die Entzündungen zurückgehen – bis zu neun Monate lang, berichtet Klein. Eine weitere Doppelblindstudie, die Klein nun mit der Universität Erlangen starten will, soll der nächste Schritt dazu sein, dass die Radonbehandlung als Standard-Therapie verschrieben wird. Der Vorteil für die Patienten: höhere Lebensqualität, weil sie dann nicht unter den Nebenwirkungen der Schmerzmedikamente leiden. „Wir sind ein kleiner Kurort“, hebt Gerhart Klein einen Vorteil gegenüber anderen Kurbädern heraus. „Die Wege zu den Ansprechpartnern sind kurz, und alle arbeiten eng zusammen.“

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