Reise

Hinter dem Horizont geht’s weiter

Die Erde ist rund, das ahnte die Wissenschaft schon früh. Den Beweis brachte aber erst Ferdinand Magellan, dem als Erster eine Weltumsegelung gelang. Sie startete vor 500 Jahren im spanischen Sanlúcar de Barrameda – wo der Horizont bis heute endlos erscheint.

Wild schäumt der Atlantik an den Strand, der sich von der Mündung des Guadalquivir 36 Kilometer Richtung Nordwesten zieht. Holzstege führen durchs Gelände und erleichtern das Wandern zwischen Meer und Dünen. Dünnschnabel- und Silbermöwen segeln und kreischen um die Wette, die kleinen Fischerhütten am Strand sind verwaist an diesem stürmischen Tag. Flaschengrünes Wasser mit weißen Schaumkronen donnert an den Strand, Welle um Welle. Am Horizont geht das Graugrün des Meeres ins Graublau des Himmels über. Ein bisschen wirkt das hier wie das Ende der Welt.

Denselben Blick hatten Magellan und seine Mannen 1519. „Wir fuhren von Sevilla den Guadalquivir abwärts, bei strahlend blauem Himmel und das sahen alle für ein gutes Vorzeichen an“, notierte Magellans wissenschaftlicher Begleiter Antonio Pigafetta. „Wir gelangten nach Sanlúcar de Barrameda, in den Hafen, von dem man ins Weltmeer gelangt. Die Schiffe wurden mit weiteren Vorräten versorgt. Tagtäglich gingen wir an Land, um die Heilige Messe zu hören und vor der Abfahrt zum Beichten.“ Als die Flotte am 20. September in See stach, hält der Chronist fest, dass „Magellan immer guter Laune war, und wer ihn so sah, hätte glauben können, er wüsste nicht, welche Gefahren auf uns alle noch warteten“.

Pigafetta hatte davon durchaus eine Vorstellung. „Diese Fahrt wird einem Krieg gleichkommen, mit der erbarmungslosen See, mit Windstillen und Orkanen, mit dem schrecklichen Gespenst Skorbut und mit blutdürstigen Eingeborenen. Es wird eine Fahrt auf Leben und Tod sein“, schrieb er ins Tagebuch. Er sollte recht behalten: Von 265 Mann kamen nur 18 lebend wieder nach Hause. In Sanlúcar erinnern heute nur einige Fliesenwandbilder an Magellan und an die goldenen Zeiten der Stadt. „Im 15. und 16. Jahrhundert kamen die Schiffe reich beladen aus den Kolonien in Amerika und versorgten sich hier für den Weg zurück über den Atlantik. Das brachte der Stadt Handel und Reichtum“, erzählt José-Maria Cervera, Fremdenführer in Sanlúcar de Barrameda. Ende des 18. Jahrhunderts schwächten Erbfolgekriege die Wirtschaft, dazu kamen Probleme mit den Sandbänken im Guadalquivir. Die wuchsen schnell, Flut und Wind trugen den Sand hinein, die immer größeren und schwereren Schiffe saßen auf.

Als das Handelsmonopol für die Schätze aus der neuen Welt von Sevilla auf Cádiz überging, versank Sanlúcar in der Bedeutungslosigkeit. Später brachte der Handel mit Salz und Olivenöl wieder einen Aufschwung, die Reste der Salinen sind sichtbar als Rechtecke in der Marschlandschaft. Zwei Fabriken fertigen heute noch Edelsalze für Delikatessen wie das lokale Thunfisch-Sushi. Die Olivenbäume dagegen wurden Ende des 19. Jahrhunderts abgeholzt und durch Weinreben ersetzt. Auch Baumwolle wird angebaut, Felder voller kleiner Büsche mit weißen Puscheln ziehen sich entlang der schmalen Straßen. Dagegen werden die Meeresschnecken, die einst unendlich kostbare Purpurfarbe lieferten, jetzt mit Zitrone gekocht verspeist.

Nahezu unverändert blieb der Fluss. Der Guadalquivir – übersetzt: großer Fluss – ist 650 Kilometer lang. 100 davon sind schiffbar von Sevilla bis zur Mündung in Sanlúcar. Eine Bootstour führt von Sanlúcar vorbei an einem Wrack, das 1982 auf eine jener berüchtigten Sandbänke auflief und seither vor sich hin rottet, zum Doñana-Nationalpark. Im rund 128 000 Hektar großen Schutzgebiet versucht man, Natur zu erhalten und Geschichte zu bewahren.

„Viele Wissenschaftler kommen hierher, um die Vogelzüge nach Afri- ka zu studieren“, erzählt Melanie Romero Heidemann. Sie begleitet als Safariführerin eine Jeeptour durch den Nationalpark. Sobald der Regen im Herbst die Senken im Marschland aufgefüllt hat, bietet eine Wasserfläche von 25 000 Hektar 400 Arten von Zugvögeln einen Rastplatz. Zudem ist der Park Heimat für 100 der vom Aussterben bedrohten iberischen Luchse, die mit einem guten Dutzend imposanter Kaiseradler um beider Lieblingsmahlzeit Kaninchen wetteifern.

Der Jeep quält sich durch tiefen Sand, die Karre ächzt und quietscht. Die über 30 Meter hohen Wanderdünen entstehen, weil der Wind von der Küste den Sand herein treibt. Ihre interessante Zeichnung aus dunkel und hell kommt daher, dass das schwere Sediment liegen bleibt, das leichte vom Wind verweht wird. Eine Wanderdüne bewegt sich um fünf bis sechs Meter pro Jahr. Eine Zeit lang versuchte man sie zu stabilisieren, indem man Pinien pflanzte. Daraus wuchsen kleine Wäldchen mit dichtem Gestrüpp, Binsen und Wacholder, die nun den Tieren Futter und Versteck bieten. Während die Safari-Chefin mit dem Fernglas nach Wiedehopf und Blauelster Ausschau hält, fliegt ein Storch auf. Nur wenige Meter weiter pausiert ein Damhirsch unter einem Feigenbaum, und die dunklen Schatten im dichten Gebüsch identifiziert die Fachfrau als Wildschweine. Daran, dass Doñana einst Jagdgebiet war, erinnert nicht nur der Name, der auf Dona Ana de Mendoza y Silva zurückgeht, der Gattin des Herzogs von Medina Sidonia, welcher im 16. Jahrhundert das Jagdrecht innehatte. Noch immer legt der Wind handvollweise Patronen frei, die einst auf Gänse abgefeuert wurden.

Heute lebt die Tierwelt in Frieden. Besucher sind willkommen – auf ausgewiesenen Pfaden oder im Rahmen geführter Touren. Campen ist nicht erlaubt, mit einer Ausnahme: Ende Mai lockt die größte Wallfahrt Europas fast eine Million Menschen ins nahe gelegene 800-Einwohner-Dorf El Rocio. Einer der Pilgerwege zur Prozession führt durch den Doñana-Park, der deshalb für drei Wochen schließt. In den restlichen 49 Wochen des Jahres trifft man wenig Menschen im Park. Der alte Wachturm am Strand, von dem einst Piratensichtungen gemeldet wurden, dient als Ausguck und als Zuhause für eines der Wanderfalken-Paare, die im Park leben.

Piraten waren schon lange keine mehr da. Weltentdecker auch nicht. Aber der Horizont ist noch immer fern und das Meer scheint unendlich weit zu sein.

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