Reise

Über den Dächern von Linz

Archivartikel

Die Industriestadt in Oberösterreich hat sich gemausert. Linz wurde zur modernen und innovativen Stadt der Kunst und Technologie und ist eine Reise wert.

Schwankt der Turm? Mir wird mulmig!“ Kurz ist die Besucherin etwas verunsichert, dann nimmt sie tapfer die letzten Höhenmeter. Schließlich wartet ein genialer Ausblick da oben: auf Häuser, Straßen und Kirchtürme, auf die Donau, die Hügel des Mühlviertels – und auf ein Schiff aus Stahl, das direkt vor ihr schwebt. Der etwa 30 Meter hohe Holzturm steht auf dem Dach einer Parkgarage mitten in Linz und ist Teil des Kunstprojektes „Höhenrausch“, das 2009 im Kulturhauptstadtjahr ins Leben gerufen wurde. Dieses Jahr heißt das Thema „Das andere Ufer“. In 40 Beiträgen beschäftigten sich dafür internationale Künstler mit dem Thema Wasser in allen Facetten, in Form von Bildern, Skulpturen, Objekten, Filmen und Klängen.

Der Kunstparcours hoch über der Hauptstadt von Oberösterreich beginnt in den Ausstellungsräumen des Kulturquartiers, führt über Treppen, Stege und Brücken über die Dächer und durch Dachböden. Schon von unten sieht man den Holzturm und das 20 Meter lange, aus Stahl und Aluminium erbaute und mit Stahlseilen montierte „Fliegende Schiff“ des russischen Künstlers Alexander Ponomarev, das scheinbar in der Luft schwebt. Beeindruckend ist auch die überdimensionale Figur „El Pensador“ des kubanischen Künstlers Kcho, die aus Überresten kubanischer Fischerboote und Schwemmgut besteht. Oder Benjamin Bergmanns „Fontana“, ein Netzwerk aus Leitungen und Düsen, die Wasser in die Luft und auf den swimmingpoolblauen Boden sprühen. Die Höhenrausch-Ausstellung ist noch bis Mitte Oktober begehbar, dann gibt es eine kurze Pause. „Linz-Besucher müssen aber auch 2019 nicht ganz auf die Dachlandschaft verzichten“, berichtet Maria Falkinger vom Kulturquartier. „Als Kunstoase am Höhenrausch-Dach sind die Parkhausflächen und der Aussichtsturm zugänglich und werden künstlerisch bespielt“, verspricht sie prickelnde Höhenerlebnisse.

Linz hat sich verändert. Früher vor allem für Schwerindustrie bekannt und deshalb gerne mit dem Spruch „In Linz da stinkt’s“ bedacht, zeigt sich die drittgrößte Stadt Österreichs nun von der modernen Seite, mit interessanten Kulturbauten und -projekten, spektakulären Museen und Galerien, einem neuen Musiktheater, innovativen Universitäten, vielen Lokalen in der schönen Altstadt, dem Leben am Fluss und natürlich auch mit guter Luftqualität.

Mit Spray, Pinsel und Besen ist fast alles erlaubt im Linzer Hafengelände

Vom Wasser aus – oder auch zu Fuß – bietet sich noch eine weitere Möglichkeit, eine urbane, künstlerische Seite der City zu entdecken. Bei einer „Mural Harbor Tour“ führt Sabine Sinzinger, Studentin der Textilen Kunst, Besucher über das Hafengelände. Riesige Container, Kräne, Lagerhallen und Fabrikgebäude bilden Rahmen und Leinwand für die zeitgenössischen Wandmalereien für Graffiti, Murals und Street-Art, wie sie je nach Technik genannt werden. „Die Künstler arbeiten hier ganz legal“, erklärt sie. Seit 2012 gedeiht das Projekt. Etwa 200 Werke internationaler Künstler, die hier laufend für Projekte eingeladen werden, sind zu sehen. „Manche arbeiten mit Hebebühnen, machen Skizzen vorher und malen nach Raster, andere mit Beamer. Sie verwenden Spray genauso wie Pinsel, Roller oder Besen. Alles ist erlaubt - nur keine sexistischen oder politisch inkorrekten Motive und Sprüche.“ Beim Spaziergang erläutert Sabine die Bedeutung einiger Werke. „Overprotected“ heißt etwa eine der riesigen Malereien des Künstlers Aryz aus Barcelona. Eine Mutter ist hier zu sehen, die ihren genervt oder gar böse dreinblickenden Sohn umarmt und liebkost. Nach dem Rundgang dürfen sich die Teilnehmer bei einem kurzen Sprayer-Lehrgang ausprobieren. „Immer gut schütteln“, weist Sabine an, „und mit hellen Farben anfangen.“ Aber die Werke bleiben kürzer als die der Profis erhalten: Sie werden bald wieder weiß gestrichen – für die nächsten Teilnehmer.