Politik

Kirche Experten dokumentieren Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch Geistliche

Viele Opfer jünger als 13 Jahre

Bonn.Das Thema Missbrauch belastet die katholische Kirche seit vielen Jahren – nun hat eine große Studie die Situation in Deutschland aufgearbeitet. „Spiegel“ und „Zeit“ veröffentlichten gestern vorab Ergebnisse der Untersuchung, die die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) offiziell erst am 25. September vorstellen wollte. Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der Kirche war demnach weit verbreitet – und ist keinesfalls zu Ende.

Den Berichten zufolge werteten die Autoren im Auftrag der DBK mehr als 38 000 Personal- und Handakten aus den 27 deutschen Bistümern aus. Für den Zeitraum von 1946 bis 2014 seien 3677 überwiegend männliche Minderjährige als Opfer sexueller Übergriffe protokolliert worden, hieß es in dem „Spiegel“-Vorab. 1670 Kleriker hätten diese Taten begangen. 4,4 Prozent aller Kleriker der deutschen Bistümer waren demnach mutmaßlich Missbrauchstäter. Mehr als jedes zweite Opfer sei höchstens 13 Jahre alt gewesen, in jedem sechsten Fall sei es zu Formen der Vergewaltigung gekommen. Die erwähnten Fälle sind nur ein Teil dessen, was tatsächlich geschah. „Erkenntnisse über das Dunkelfeld wurden nicht erlangt“, schreiben die Autoren laut „Spiegel“. Die „Zeit“ zitiert: „In einigen Fällen fanden sich eindeutige Hinweise auf Aktenmanipulation.“ In mindestens zwei Bistümern seien Akten vernichtet worden.

Kritik an fehlender Kooperation

Die Autoren der Studie hatten keinen Zugriff auf die Originalakten. Alle Archive und Dateien seien vom Kirchenpersonal selbst durchgesehen worden, nicht von den Autoren. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hatte kritisiert, dass für die Studie nicht alle Bistümer ihre Archive geöffnet hätten.

Beunruhigend ist: Die Autoren der Studie sehen den Berichten zufolge keinen Anlass zu der Annahme, „dass es sich beim sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker der katholischen Kirche um eine in der Vergangenheit abgeschlossene und mittlerweile überwundene Thematik handelt“.

Die Serie der Missbrauchsfälle dauere stattdessen bis zum Ende des Untersuchungszeitraums an. Die Bischöfe wollen die Studie bei ihrer Herbst-Vollversammlung in Fulda präsentieren. Zuletzt war bekanntgeworden, dass in den USA allein im Staat Pennsylvania mehr als 300 Priester des Kindesmissbrauchs bezichtigt werden. In Irland hatte Papst Franziskus Ende August um Vergebung gebeten: „Wir bitten um Entschuldigung für die Misshandlungen in Irland, den Missbrauch von Macht und Vertrauen, sexuellen Missbrauch durch offizielle Mitglieder der Kirche“, sagte Franziskus.