Politik

Regierung Liste „Jetzt“ kündigt Misstrauensantrag gegen Kanzler an / FPÖ will eigene Finanzen durchleuchten lassen

Kurz in der Bredouille

Archivartikel

Wien.Inmitten der dramatischen Politkrise in Österreich warb Kanzler Sebastian Kurz am Mittag noch um ein „Maximum an Stabilität“. Sein Appell an die Opposition, staatspolitische Räson walten und ihn das Land in Ruhe führen zu lassen, verhallte aus seiner Sicht ungehört. Die oppositionelle SPÖ verstand den Ruf ganz anders: SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner ließ am Abend nach einem Gespräch bei Bundespräsident Alexander Van der Bellen die Bombe platzen. Die gesamte Regierung müsse zurücktreten und bis zu den geplanten Neuwahlen gegen ein Übergangskabinett aus Experten ausgetauscht werden.

Veritable Staatskrise

Was sonst eine billige, unwirksame Forderung sein könnte, hat in der aktuellen Lage das Potenzial zum Kanzlersturz. Die Liste „Jetzt“ hat bereits einen Misstrauensantrag angekündigt, der angesichts der Entwicklungen durchaus Aussicht auf Erfolg hat.

Am vierten Tag nach Bekanntwerden des Skandal-Videos um den bisherigen Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wurde damit aus einer Regierungskrise eine veritable Staatskrise. Auch wenn die Protagonisten ihr Handeln mit dem Ringen um ein schnelles Wiederherstellen von Handlungsfähigkeit und Vertrauen begründen – im Moment ist unklarer denn je, wie die Alpenrepublik diese Krise überwinden soll. „Der Kanzler hat gar keinen Grund, dass er seine Minister aus der Regierung abzieht“, sagte die ÖVP-nahe Politikberaterin Heidi Glück zur SPÖ-Forderung. Erfahrungsgemäß dauert es von der Ankündigung von Neuwahlen bis zur Bildung einer neuen Regierung ein halbes Jahr. Die Bildung einer Übergangsregierung wird zum Kräftemessen.

Den Auftakt eines erneut historischen Tages in der jüngeren Geschichte des Landes machte eine politisch erfahrene Randfigur. Peter Pilz verkündete höchst selbstbewusst, dass seine Liste „Jetzt“ einen Misstrauensantrag gegen Kurz stellen werde. „Dann ist der Bundeskanzler Geschichte – und das ist gut so“, meinte der Abgeordnete. „Wo Kurz drauf steht, ist Scheitern drin“, sagte Pilz und spielte darauf an, dass Kurz 2017 die SPÖ/ÖVP-Koalition platzen ließ und nun das ÖVP/FPÖ-Bündnis beendet hat. Eine einfache Mehrheit unter den 183 Abgeordneten würde reichen, den Kanzler zu stürzen. „Bisher üblich war selbst in schwierigsten Zeiten einer Regierung der Minimalkonsens, nicht mit der Opposition zu stimmen“, sagte der Politologe Peter Filzmaier und zeigte sich damit zunächst eher skeptisch zu den Erfolgsaussichten des Ansinnens.

Und auch das Auftreten des designierten FPÖ-Chefs Norbert Hofer schien dem Vorstoß der Liste „Jetzt“ etwas Brisanz zu nehmen. Hofer gab sich bei mehreren Auftritten während des Tages ruhig, sachlich und konziliant. Damit knüpfte der 48-Jährige an den Stil an, der ihn schon im Wahlkampf um das Bundespräsidentenamt 2016 beinahe in die Hofburg gebracht hätte.

„Kein Schmutzkübel-Wahlkampf“

Hofer kündigte die Prüfung der FPÖ-Finanzen durch einen externen Wirtschaftsprüfer an, um jeden Verdacht auf illegale Parteienfinanzierung – wie er durch das Ibiza-Video entstanden war – zu zerstreuen. „Ich darf auch versprechen, dass es keinen Schmutzkübel-Wahlkampf geben wird. Ich stehe nicht dafür zur Verfügung“, betonte Hofer.

Typisch für ihn: Im Gegensatz zu Strache lobte Hofer die Presse. Er schätze die Arbeit der Medien sehr. Eine bemerkenswerte Äußerung angesichts des Umstands, dass sein FPÖ-Weggefährte Strache nach Medien-Veröffentlichungen vor den Trümmern seines politischen Lebens steht.

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