Politik

Lehrermangel Gewerkschaft drängt auf Sofortprogramm / Lage im Rhein-Neckar-Raum laut Kreisvorsitzender zufriedenstellend bis gut

GEW warnt vor Bildungsnotstand

Berlin/Rhein-Neckar.Neue Lehrer braucht das Land – und zwar tausende. Am angespanntesten ist die Lage in Berufs- und Grundschulen. Gewerkschaften und Opposition wollen sich mit einem Gegensteuern nur auf lange Sicht nicht abfinden.

Derzeit gibt es deutschlandweit 798 200 hauptberufliche Lehrkräfte. Von 2018 bis 2030 rechnen die Bildungsminister mit einem jährlichen Einstellungsbedarf von rund 31 900 Lehrern im Schnitt. Aber nur 31 200 ausgebildete Lehrkräfte gebe es jedes Jahr. Stellen nicht besetzt werden können laut der Prognose vor allem in Berufsschulen, Grundschulen, Schulen der mittleren Bildung und in der Sonderpädagogik.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) Helmut Holter sagte, die Zahlen zeigten den akuten Handlungsbedarf für alle Länder. „Wir sind gemeinsam dazu aufgerufen, jede Anstrengung zu unternehmen, um den künftigen Bedarf zu decken“, sagte der Bildungsminister Thüringens (Linke).

Im Osten besonders dramatisch

Die Vorausberechnungen dienten den Ländern dazu, zu reagieren. „Es müssen mehr Lehrer ausgebildet werden“, sagte Holter.

Besonders viele neue Lehrer braucht der KMK-Prognose zufolge Sachsen-Anhalt, wo über die Jahre hinweg nur für rund jede zweite offene Stelle ein ausgebildeter Lehrer zur Verfügung steht. Auch in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg und Thüringen werden viele Stellen kaum besetzt werden können.

Im Mai hatte die KMK eine Prognose vorgelegt, nach der die Zahl der Schüler bis 2030 um 278 000 auf 11,2 Millionen steigen wird.

Als „zufriedenstellend bis gut“ beurteilt die Mannheimer GEW-Kreisvorsitzende Ricarda Kaiser die Lehrerversorgung in der Region Rhein-Neckar. Nicht einmal im ländlich strukturierten Neckar-Odenwald-Kreis gebe es im laufenden Schuljahr größere Probleme.

Anders als in anderen ländlichen Regionen habe hier die Ausschreibung freier Stellen durch die Schulen vor Ort schon im Dezember gut funktioniert, und die Junglehrer hätten die Stellen auch tatsächlich angetreten. „Landesweit hat das nicht überall geklappt“, erläutert Kaiser.

Letztlich seien die Unterschiede nicht erklärbar. Trotzdem sei auch in vielen Schulen von Mannheim und Heidelberg die Unterrichtsversorgung auf Kante genäht. Das führe dazu, dass Lehrer mit einer Ausbildung in Deutsch als Zweitsprache für den Pflichtunterricht gebraucht würden. Darunter leide die Sprachförderung, für die Vertretungslehrer ohne entsprechende Qualifikation eingestellt werden müssen. Landesweit gehe es um 800 Lehrkräfte, die besser auf diese Aufgabe vorbereitet werden müssten.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnte angesichts der KMK-Berechnungen vor einem Bildungsnotstand und forderte ein Sofortprogramm. „In diesem Schuljahr fehlen mehrere tausend Lehrkräfte, zudem sind tausende Stellen mit Quer- und Seiteneinsteigern besetzt“, sagte GEW-Chefin Marlis Tepe. Während zu viele Gymnasiallehrkräfte ausgebildet worden seien, gebe es an Grund-, Berufs-, Förder- und Sonderschulen einen gravierenden Mangel.

Der Deutsche Philologenverband warf der Politik Versagen vor. Die Vorsitzende Susanne Lin-Klitzing sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, die Länder hätten die Entwicklung verschlafen. „Wir brauchen eine jährliche Neuberechnung des tatsächlichen Bedarfs und eine entsprechende Anpassung“, sagte sie der „Welt“.

Grüne kritisieren Bund

Linksfraktionschef Dietmar Bartsch sagte: „Wer nicht will, dass für die Bildungsmisere im politischen Nachlass von Angela Merkel künftige Generationen bezahlen müssen, muss jetzt das im Grundgesetz festgeschriebene Kooperationsverbot aufheben.“

Auch die Grünen-Bildungsexpertin Margit Stumpp sagte: „Der Bund ist hier in der Verantwortung, statt nur in Beton auch in Köpfe und Personal zu investieren.“ dpa/pre

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