Politik

Vereinigtes Königreich Theresa May gibt am 7. Juni ihren Posten als Vorsitzende der Konservativen Partei ab / Abschied unter Tränen

„Die Ehre meines Lebens“

Archivartikel

London.Am Ende erstickten Tränen ihre Stimme. Theresa May zitterte und präsentierte sich so gar nicht als jener „Roboter“, als der sie wegen ihres kühlen Auftretens und ihrer sturen Art gern verhöhnt worden war. „Ich bin ungeheuer dankbar, die Möglichkeit gehabt zu haben, dem Land zu dienen, das ich liebe“, sagte eine emotionale Premierministerin am Freitag am Rednerpult vor ihrem Amtssitz in der Downing Street und bezeichnete die vergangenen knapp drei Jahre als „Ehre meines Lebens“.

Dann drehte sich Theresa May um und verschwand hinter der berühmten, schwarzen Tür mit der Nummer Zehn. Zuvor hatte die britische Regierungschefin ihren Rücktritt angekündigt. Am 7. Juni werde sie ihren Posten als Vorsitzende der konservativen Partei räumen.

Spaltung des Landes

Sie wird in die britischen Geschichtsbücher als Premierministerin eingehen, die mit dem Ziel antrat, den Brexit umzusetzen – und damit vollends und selbstverschuldet scheiterte. Das Land ist tief gespalten, der EU-Austritt bleibt unvollendet. Sie werde das „für immer“ bedauern, sagte sie in ihrer Erklärung. Dabei habe man die Pflicht, das Ergebnis umzusetzen, wenn man den Menschen die Wahl gebe. Einen Konsens beim EU-Austritt könne es jedoch lediglich geben, wenn alle Seiten zum Einlenken bereit seien.

„Kompromiss ist kein schmutziges Wort, das Leben hängt davon ab.“ May ließ aus, dass sie es jahrelang selbst versäumte, das Parlament zu einen und Bündnisse zu schmieden. Oft schien es vielmehr so, als wähnte sie sich noch immer auf dem Höhepunkt der Macht, auf dem sie damals, am 13. Juli 2016, stand – nur wenige Wochen nach dem Referendum, das zum Rücktritt David Camerons führte.

Theresa May setzte sich in jenen turbulenten Wochen durch, wurde von ihrer Partei gefeiert. Und machte dann, ohne Not, einen Fehler nach dem anderen. Als ihr größter gilt, 2017 Neuwahlen ausgerufen zu haben, um die absolute Mehrheit auszubauen. Nach einem katastrophalen Wahlkampf stand sie jedoch plötzlich mit einer Minderheitsregierung und zutiefst geschwächt da.

Zum Verhängnis wurde ihr außerdem ihre Besessenheit, die Hardliner in den eigenen Reihen befrieden zu wollen. Die aber entpuppten sich als Raupe Nimmersatt, während May die moderaten Kräfte mit ihrem harten Brexit-Kurs abschreckte.

Der jetzige Schritt kam, vielleicht außer für die 62-Jährige selbst, keineswegs überraschend. Der Druck auf die angezählte Regierungschefin nahm in den vergangenen Tagen massiv zu, nachdem sie am Mittwoch ihren Zehnpunkteplan als Kompromissvorschlag präsentiert hatte, der unter anderem die Möglichkeit zu einem Referendum über das Austrittsabkommen vorsah.

Vernichtende Reaktionen

Die Reaktionen fielen vernichtend aus, nicht nur bei der Opposition. Es handelte sich nicht mehr nur um die üblichen Meuterer. Die Kritik prasselte von allen Seiten auf die Parteivorsitzende ein – ob von den radikalen Europaskeptikern, den EU-Freunden oder ehemals loyalen Unterstützern. Sogar das Kabinett rebellierte gegen Mays Brexit-Kurs.

Am Mittwochabend dann gab die Fraktionsvorsitzende Andrea Leadsom ihren Posten auf, womit die Zahl im Club der ehemaligen Minister und Staatssekretäre unter Mays knapp dreijähriger Amtszeit auf 36 stieg. Bedrängt, isoliert und machtlos verschanzte sich die Premierministerin in der Downing Street – und tauchte erst am Freitag wieder auf.

Es dauerte nicht lange, bis sich der Oppositionsführer von Labour, Jeremy Corbyn, am Freitag zu Wort meldete und Neuwahlen forderte. Weder May noch ihre gespaltene Partei seien in der Lage, das Land zu regieren, befand der Altlinke. Dass Labour selbst heillos über der Europafrage zerstritten ist, ließ er selbstredend aus. Während die Mehrheit seiner Partei ein zweites Referendum wünscht, windet sich Corbyn seit Monaten. Vielmehr müsse man via Parlamentswahl „das Volk über die Zukunft unseres Landes entscheiden lassen“, sagte er.

Derweil bringen sich konservative Kandidaten für Mays Nachfolge in Stellung. Die größten Chancen werden dem ehemaligen Außenminister Boris Johnson eingeräumt. Er genießt große Popularität in der Parteibasis, müsste aber vor der Abstimmung von der Fraktion als einer von zwei Bewerbern bestimmt werden. Unter den anderen möglichen Kandidaten befinden sich bekannte wie neue Gesichter. So wird erwartet, dass unter anderem Ex-Brexit-Minister Dominic Raab, Umweltminister Michael Gove, Außenminister Jeremy Hunt, Innenminister Sajid Javid und Entwicklungshilfeminister Rory Stewart ihre Chance gekommen sehen.

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