Neue Alben

Vermächtnis eines Songwriter-Turms

Archivartikel

Rock: Die neun posthumen Stücke auf Leonard Cohens „Thanks For The Dance“ ergeben ein atmosphärisch starkes Abschiedsalbum

In die Vorfreude auf dieses „neue“ Album von Leonard Cohen mischt sich vor dem ersten Hören etwas Angst: Zu perfekt hatte das Meisterwerk „You Want It Darker“ die Karriere der Songpoeten-Legende im Oktober 2016 abgeschlossen. Ähnlich wie bei David Bowie und dessen „Black Star“ ergab sich das fast schon unwirkliche Timing, dass der 82-Jährige kurz darauf, am 7. November 2016, für immer von der Bühne abtrat.

Die Befürchtung dass die neun Songs auf dem nun posthum veröffentlichten Album „Thanks For The Dance“ diesen Abgang für die Musikgeschichtsbücher verwässern, verfliegt auf Anhieb. Denn schon die allererste Strophe könnte kaum majestätischer aus den Boxen klingen: „I was always working steady, But I never called it art. I got my shit together, Meeting Christ and reading Marx. It failed my little fire, But it’s bright the dying spark. Go tell the young messiah, What happens to the heart“ (Ich habe immer verlässlich gearbeitet, es aber nie Kunst genannt. Ich habe meinen Kram auf die Reihe gebracht, Christus getroffen und Marx gelesen. Mein kleines Feuer hat versagt, aber er strahlt, der sterbende Funke. Geh, sag dem jungen Messias, was mit dem Herzen passiert).

Majestätischer Beginn

Dazu thront die im Alter noch einmal zu mehr Tiefe gereifte Stimme Cohens monumental über dem minimalistisch gehaltenen Sound. Kein Wunder, dass dieser Songwriter längst zu dem Turm geworden ist, als dessen Gefangenen er sich selbst im Klassiker „Tower Of Song“ beschrieben hat. Dabei rezitiert er in den meisten der von seinem Sohn Adam zu Ende geführten Lied-Skizzen mehr, als er singt – egal.

Zumindest bei diesem ersten Lied ist es verwunderlich, dass es nicht schon für den brillanten Vorgänger in Frage kam. Den hatte Adam Cohen mitproduziert. Der selbst als Sänger produktive 47-Jährige fügte die posthume Platte in einer umgebauten Garage zusammen, offensichtlich als eine Form von produktiver Trauerarbeit. Wohl deshalb hat er auf die Dienste von Star-Produzent Patrick Leonhard verzichtet, der die drei starken letzten Studioalben seines Vaters mitverantwortet hat.

Mit Beck, Warnes, Rice und Feist

Es muss nicht daran liegen, dass die weiteren acht „Überbleibsel“ gegenüber dem Auftakt etwas abfallen. Obwohl Adam Cohen äußerst minimalistisch agiert und eine halbe Weltauswahl als Gäste geladen hat: Neben Javier Mas, einem Experten für die spanische Laute, spielt Alternative-Pop Ikone Beck Gitarre und Maultrommel, im – leider oft zu glatt klingenden – Chor wirken Cohen-Expertin Jennifer Warnes, Nu-Folk-Pionier Damien Rice und Indie-Popstar Leslie Feist mit.

Generell bewegt sich die Platte auch für Cohen-Verhältnisse auf hohem Niveau – was man bei nachgelassener Popmusik selten erlebt. Während „Moving On“ etwas kitschgefährdet daherkommt, ist „The Night Of Santiago“ eine nicht uncharmante Altherrenfantasie (deren Text man besser nicht an der Fassade einer deutschen Hochschule anbringen sollte) mit einem Hauch von Flamenco. Der Titelsong „Thanks For The Dance“ ist ein klassischer Cohen-Song, dessen poetische Zeilen der seelenruhige Sänger dezent zum Tanzen bringt. Sein patinierter Sprechgesang wandert hier in Tom Waits’ Gefilde – eindrucksvoll.

„It’s Torn“ groovt genial zu leicht brüchigem Geraune. In – ausgerechnet – „Puppets“ erklärt der lange Zeit als buddhistischer Mönch lebende bekennende Jude Cohen Juden, Deutsche und alle Menschen am Beispiel des Holocausts zu Marionetten – gewagt, aber gekonnt. Die Schlusssongs, das brillant überladene „The Hills“ und „Listen To The Hummingbird“ sind perfekte Abschiedsbotschaften. (Legacy/Columbia) jpk

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ ★

 

(Megamäßig) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)

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