Nationalmannschaft

DFB-Präsident Reinhard Grindel: Nachwuchsfußballer werden zu sehr verwöhnt

Archivartikel

Weinheim.Der Zeitplan für den Besuch von Reinhard Grindel in Weinheim war straff. In der Sepp-Herberger-Grundschule beantwortete der DFB-Präsident eine Stunde lang geduldig die Fragen der Kinder, danach ging es zum früheren Wohnhaus der Trainerlegende in Hohensachsen und Herbergers Grab. Vor der Weiterreise nach Osnabrück beantwortete Grindel die Fragen dieser Zeitung.

Herr Grindel, was nehmen Sie von einem Termin wie in Weinheim mit?

Reinhard Grindel: Dass Fußball ein riesiges Thema für Kinder ist. Die Begeisterung, Idolen nachzueifern, ist völlig ungebrochen. Deshalb ist es auch so wichtig, in künftigen Nationalspieler-Generationen Spieler zu haben, die von ihrer Persönlichkeit her Kinder begeistern können.

Bei der Nationalmannschaft gibt es Benimm-Regeln, beim Mittagessen herrscht zum Beispiel Handyverbot. Muss man die jungen Spieler in die richtige Richtung lenken, damit diese eine Vorbildfunktion einnehmen können?

Grindel: Die Regeln existieren länger schon und wurden jetzt noch mal in Erinnerung gerufen. Wichtiger aber ist, jungen Spielern in den Nachwuchsleistungszentren nicht so viel abzunehmen. Schon 15, 16-Jährige haben eine beachtliche Zahl von Personen um sich herum - Berater, Trainer, Psychologen. Wir müssen darauf achten, dass junge Spieler sich selbst entwickeln können. Sie müssen einfach die Möglichkeit haben, ihren eigenen Weg zu gehen. Der Fußball darf dabei nicht über allem stehen. Wenn sich die Talente auch einmal durch schwierigere Phasen durchbeißen müssen, tut das ihrer Entwicklung gut. Es darf nicht nur auf den kurzfristigen Erfolg geschaut werden. Dann gibt es die Chance, dass sich wieder mehr Persönlichkeiten entwickeln.

Wie sehr sind Sie angesichts der sinkenden Zuschauerzahlen bei Länderspielen besorgt?

Grindel: Gar nicht, weil alle Spiele, die wir in diesem Jahr hatten, ausverkauft waren. In Leipzig ist es einfach so, dass die Zuschauerzahlen auch bei Europa-League-Partien von RB ähnlich sind. Es ist schwierig bei diesen Anstoßzeiten unter der Woche so viele Zuschauer ins Stadion zu ziehen. An Wochenenden haben wir immer andere Zahlen gehabt. Ich bin zuversichtlich, dass durch das neue Gesicht der Mannschaft auch die Neugier auf das Team steigt.

Also gibt es keine Gedankengänge, künftig in kleinere Stadien zu gehen?

Grindel: Es ist sicher so, dass es in der anstehenden Qualifikationsphase für die EURO 2020 sehr attraktive und sportlich weniger attraktive Gegner gibt, was wir bei der Stadionauswahl berücksichtigen. Wir werden auch schauen, ob wir bei der Preisgestaltung der Tickets etwas anpassen können.

Es gibt Talente wie Serge Gnabry, die ins A-Team drängen. Bei den U-Mannschaften hinkt Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Nationen wie Frankreich oder England derzeit trotzdem etwas hinterher. Wie wichtig sind neue Förderkonzepte?

Grindel: Darüber reden unsere Verantwortlichen aus dem Bereich der Nationalmannschaften jetzt viel intensiver mit der Bundesliga, als das früher der Fall war. Das macht mich optimistisch für die Zukunft. Dabei wird vor allem das Thema der Trainerausbildung im DFB eine wichtige Rolle einnehmen. Auf der anderen Seite muss aber auch in den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten mehr auf langfristige Entwicklung der Spieler Wert gelegt werden. Wir müssen es hinbekommen, dass wir wieder mehr Spezialisten bekommen, die Weltklasse auf einer Position sind - und nicht nur gehobene nationale Klasse auf vielen Positionen.

Wie wichtig ist die Strahlkraft der EURO 2024 für den deutschen Fußball mit Blick auf das WM-Debakel?

Grindel: Die Stimmung hat sich im DFB und in den Vereinen durch diese Entscheidung merklich verbessert. Für die sportliche Leitung gibt es jetzt das Projekt, gemeinsam mit der mit der Bundesliga eine Mannschaft zu formen, die um den Titel mitspielen kann. Aber auch für die Basis ist diese EURO wichtig, da ein so großes Ereignis auch in die Vereine ausstrahlt und für neue Mitglieder sorgt. Das Ziel ist es, eine Infrastrukturoffensive zu starten, von der die Vereine profitieren. Wir haben in Deutschland zu wenige Fußballplätze, die ganzjährig genutzt werden können.

Nach außen verkörpert Philipp Lahm die deutsche EM-Kampagne. Wie wichtig ist es für den DFB, verdiente Spieler einzubeziehen?

Grindel: Wir werden das künftig verstärkt tun - gerade in der Arbeit mit unseren U-Teams, weil wir gemerkt haben, wie groß das Interesse bei den Spielern ist, von erfahrenen Profis zu lernen. Wenn ein Fußballer die Werte verkörpert, die wir transportieren wollen, hat das eine große Bedeutung für uns.

Wie oft sind Sie im Austausch mit Lahm?

Grindel: Wir sind in einem permanenten Dialog, die Abstimmung ist sehr eng. Philipp Lahm ist das Gesicht der EURO 2024 und darüber freut sich auch die Uefa.

Nächstes Jahr steht die Wahl des DFB-Präsidenten an. Welche neuen Ziele stecken Sie sich?

Grindel: Am wichtigsten ist es, die ehrenamtliche Basis in unseren Vereinen zu stärken. Dazu dient zur Vorbereitung auf den DFB-Bundestag im September ein großer Amateurfußballkongress im Februar in Kassel. Wir müssen in noch intensiverer Abstimmung zwischen dem DFB und seinen Landesverbänden Konzepte entwickeln, die unsere 25 000 Vereine unterstützen - etwa im Bereich Digitalisierung oder bei einer Qualifizierungsoffensive im Trainerbereich. Dazu kommt in der nächsten Legislaturperiode der Bau der neuen DFB-Zentrale auf der bisherigen Galopprennbahn und der Aufbau der DFB-Akademie. Und natürlich ist die Vorbereitung der EURO 2024 ein weiterer Schwerpunkt.

Welche Konsequenzen hat der Nations-League-Abstieg?

Grindel: Die Entwicklung der Mannschaft in Richtung auf die EM ist entscheidend. Es wäre selbstverständlich schön gewesen, wenn wir die A-Gruppe in der Nations League erhalten hätten, aber darauf hatten wir jetzt ja keinen Einfluss mehr. Wir treffen am Montag auf einen sehr starken Gegner, schließlich kann die Niederlande sogar noch vor den Franzosen Gruppensieger werden. Für uns ist es wichtig, dass wir in Topf 1 für die Quali-Spiele zur EM 2020 landen. In zwei Jahren wollen wir eine wettbewerbsfähige Mannschaft haben, die um den Titel spielen kann und ein deutlich besseres sportliches Ergebnis erreicht als bei der WM.

Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Umbruch?

Grindel: Neben einigen erfahrenen Spielern, die das Gerüst bilden, müssen jetzt kontinuierlich jüngere Spieler in die Mannschaft integriert werden. Diesen Prozess haben wir gegen Russland vorangetrieben - und in der ersten Hälfte unsere Torchancen genutzt. Wenn das gegen die Niederlande gelingt, bin ich sehr zufrieden. Diese Entwicklung wollen wir in den Qualifikationsspielen fortsetzen.

Der SV Waldhof zieht im Streit um den Punktabzug aufgrund der Ausschreitungen im Relegations-Rückspiel gegen Uerdingen vor ein Zivilgericht. Finden Sie das legitim?

Grindel: Ich will mich zu der Frage, ob es mit der Autonomie des Sports vereinbar ist, den Weg vor ein Zivilgericht zu beschreiten, nicht äußern. Die Gerichte müssen entscheiden, ob dieses Unterfangen Aussicht auf Erfolg hat. Ich finde es richtig, dass die sportgerichtliche Entscheidung davon geprägt war, dass man auf die Vorschläge eingegangen ist, die der Waldhof-Vorstand selbst gemacht hat, um die Situation bei sich im Stadion zu beruhigen. Es sind praktisch fast alle selbst entwickelten Initiativen zur Grundlage des Urteils gemacht worden. Ich habe auch den Eindruck, dass sich die Lage in Mannheim verbessert. Jetzt gilt es abzuwarten, wie das Zivilgericht entscheidet.

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