Metropolregion

BASF-Explosionsunglück Staatsanwalt geht von Augenblicksversagen aus / Verteidigung und Nebenklage sehen Mitschuld der BASF

„Tragisch und traurig“

Archivartikel

Frankenthal.Das Bild eines lachenden Feuerwehrmanns erscheint auf einer Leinwand in Saal 20 des Frankenthaler Landgerichts. Es gibt den fünf Todesopfern der BASF-Explosionskatastrophe in 27 Verhandlungstagen zum ersten Mal ein Gesicht. Und macht das unendliche Leid der Angehörigen so begreifbar wie das Schluchzen, das die Stille zerreißt. Die Plädoyers bringen alle Prozessbeteiligten an ihre Grenzen.

Abseits der menschlichen Tragödien stehen die Fakten für Oberstaatsanwalt Dieter Zehe fest: Der angeklagte Schlosser aus Mannheim hat bei Arbeiten im Rohrgraben die falsche Leitung angeschnitten und damit das verheerende Inferno verursacht. „Der Unfall ist auf ein Augenblicksversagen zurückzuführen.“ Der Stand der Sicherheitstechnik an den Pipelines bei der BASF sei erfüllt gewesen. „Es ist zwar suboptimal, dass es nur alle 200 Meter eine Kennzeichnung an den Leitungen gibt, aber so war es genehmigt“, sagt der Anklagevertreter. „Bei der BASF ist definitiv nicht alles richtig gemacht worden, aber das Unglück ist nicht passiert, weil sich jemand nicht an Regeln gehalten hat, sondern weil der Angeklagte einen Moment lang nicht aufgepasst hat.“

Nach dem Schnitt in die falsche Leitung sei nichts mehr zu retten gewesen. In sechs Minuten war die Ethylenleitung geborsten, es gab mehrere Explosionen, ehe ein riesiger Feuerball über den Nordhafen hinwegzog und fünf Menschen ihr Leben verloren. „Das ist tragisch, erschreckend und traurig.“

Sämtliche Theorien zu einer anderen Unglücksursache wie Sabotage seien absurd. Dass bei der BASF – anders als in anderen Chemieunternehmen – die Rohrleitungen nicht durchgängig farbig angestrichen sind, um Verwechslungen zu verhindern, ist für den Anklagevertreter dennoch unverständlich. „Ich kann nicht nachvollziehen, dass die BASF das auch heute noch nicht macht.“

Als der Ankläger eine Bewährungsstrafe von einem Jahr fordert, hält sich die Mutter des getöteten Feuerwehrmannes die Hände vor den Mund und Tränen laufen über ihr Gesicht. In der Verhandlungspause ringt sie um Fassung. „Mit so einem Urteil kann ich nicht leben! Fünf Menschen sind gestorben“, sagt sie zu ihrem Mann, der sie behutsam zu einem Stuhl führt.

„Ich habe in 20 Jahren als Verteidiger keine Straftat mit derart verheerenden Folgen erlebt. Das hat jeden Beteiligten hier sehr mitgenommen“, sagt ihr Anwalt Alexander Klein. „Wir hätten uns gewünscht, dass der Angeklagte irgendwann aufsteht und sagt, dass es ihm leidtut, aber das ist nicht passiert.“ Wegen der groben Fahrlässigkeit des Schlossers fordert Klein zweieinhalb Jahre Haft. „Ich habe auch Mitleid mit Ihnen, aber ich kann keinen anderen Antrag stellen, als sie ins Gefängnis zu stecken. Alles andere kann man den Angehörigen und der Öffentlichkeit nicht zumuten“, sagt er zu dem Angeklagten, der zusammengesunken auf seinem Stuhl sitzt.

Klein sieht auch eine Mitschuld der BASF. Entgegen der geltenden Störfallverordnung habe der Chemiekonzern die Ethylen-Pipeline nicht mit einer Brandschutzbeschichtung versehen, die das schnelle Explodieren verhindert hätte. Sein Kollege Jan Schabbeck schildert eindringlich die Leiden der schwer verletzten Feuerwehrleute, die für immer von dem Unglück gezeichnet seien. Sein Mandant habe ihm erzählt, dass er das Gefühl hatte, der Arzt ziehe verbrannte Hautfetzen mit einer Drahtbürste von seiner Hand, dabei habe er die Stellen nur mit einem Wattebausch abgetupft.

Bereits 2011 falscher Schnitt

Verteidiger Carsten Tews fordert indes einen Freispruch. Zwar habe der Schlosser das falsche Rohr angeschnitten, welche Folgen das haben würde, habe er aber nicht absehen können. „Deshalb ist er nicht im Sinne der Anklage schuldig.“ Das Sicherheitskonzept der BASF bezeichnet Tews als „unzureichend“. Obwohl der TÜV nach einem Störfall 2008 bei der Kölner Firma Ineos empfohlen hatte, Ethylenleitungen besonders gegen Feuer zu schützen, sei das in Ludwigshafen nicht passiert. „Niemand hat mit so einem Unfall gerechnet. Obwohl es 2011 einen falschen Schnitt in eine Ammoniakleitung gab, sind die Pipelines nicht farblich markiert worden.“ Falls das Gericht seinen Mandanten verurteilt, so plädiert Tews auf sechs Monate, die zur Bewährung ausgesetzt werden sollen. Ein Raunen geht durch den Saal. Und stumme Tränen laufen über das Gesicht einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat.

Zum Thema