Mannheim

Stadthaus Enttäuschung bei SPD und CDU über deutliche Verluste

Grüne stärkste Kraft bei Europawahl

Archivartikel

Europa beginnt in Mannheim an diesem Abend mit dem Scharhof. Der zu Sandhofen gehörende Stimmbezirk im Norden der Stadt ist kurz nach halb sieben der erste von insgesamt 199, aus dem ein Ergebnis zur Europawahl vorliegt. Doch so schnell, wie Zahlen auf den Bildschirmen erscheinen, verschwinden sie auch wieder. Die großen Trends sind auf der zentralen Wahlveranstaltung im Stadthaus schon seit den ersten Prognosen um 18 Uhr bekannt: deutliche Verluste für die klassischen Volksparteien CDU und SPD, vor allem für die Sozialdemokraten, und gewaltige Zugewinne für die Grünen, die ihren Erfolg heftig umjubeln. Sie sind unter den rund 300 Gästen im Ratssaal vielleicht nicht die größte, aber definitiv die am lautesten feiernde Gruppe.

Um 22.34 Uhr bringt dann das vorläufige amtliche Endergebnis Gewissheit: Mit 26,1 Prozent sind die Grünen in Mannheim mit weitem Abstand stärkste Kraft bei der Europawahl geworden. „Wir freuen uns, dass das Thema Klimaschutz bei den Menschen angekommen ist – sie haben die Wichtigkeit erkannt und fordern, dass etwas geschieht“, sagt Dirk Grunert, der Grünen-Fraktionschef im Gemeinderat.

„Katastrophaler Bundestrend“

Bei der SPD dagegen ist die Enttäuschung über ihr schwaches Abschneiden bei der Europawahl groß. „Wir liegen in Mannheim zwar deutlich über dem Bundesergebnis. Aber das ist nur ein schwacher Trost“, sagt der Kreisvorsitzende Stefan Fulst-Blei. Generell sei der Trend für seine Partei auf Bundesebene „katastrophal“, dagegen komme man auch bei der eigentlich guten Stimmung in Mannheim „irgendwann nicht mehr an“.

Sein Parteifreund Peter Simon, der bisherige Europaabgeordnete, ist gar nicht erst ins Stadthaus gekommen. Seine Verbitterung über einen aussichtslosen Platz auf der SPD-Bundesliste soll sehr groß sein.

Auch bei der Mannheimer CDU sind sie mit ihrem Abschneiden bei der Europawahl nicht zufrieden. „Wir als Union sprechen aktuell nicht die Sprache der Menschen“, sagt der Kreisvorsitzende Nikolas Löbel. „Bei der Europawahl wurden die gewählt, die klare Standpunkte verbreitet haben, unabhängig davon, ob sie realisierbar sind. Wir müssen in Berlin in der Großen Koalition Profil zeigen und Standpunkte vertreten.“

Sehr zufriedene Gesichter sieht man dagegen bei der AfD. „Wir liegen hier in Mannheim ganz klar über unserem Bundestrend“, freut sich Kreisvorstandsvize Rainer Kopp.

Auch Bürger im Ratssaal

Die FDP dagegen bewegt sich in Mannheim bei der Europawahl in gleicher Größenordnung wie auf Bundesebene. „Das ist okay“, sagt Kommunalwahl-Spitzenkandidat Volker Beisel. „Damit können wir gut leben.“ Sein Linken-Kollege Thomas Trüper bezeichnet die Richtungskämpfe seiner Partei auf Bundesebene als wenig hilfreich. Es gebe dort „viele Europa-Freunde“, aber eben auch Europa-Skeptiker.

Da die Mannheimer Liste nur bei der Kommunalwahl antritt, sehen sie bei ihr die Ergebnisse für Europa sehr entspannt. Holger Schmid, der Zweitplatzierte auf ihrer Liste, freut sich indes über die europäischen Zugewinne der Freien Wähler.

In erster Linie sind Parteivertreter ins Stadthaus gekommen. Beim Gang durch den Ratssaal trifft man indes auch einige politisch interessierte Bürger. „Das ist eine ganz spannende Geschichte, weil gefühlt alle Kandidaten da sind, die man von den Plakaten kennt“, sagt ein 39-Jähriger, der auf dem Bildschirm verfolgt, wie die Europawahl-Ergebnisse aus den einzelnen Wahlbezirken eingehen. Viele Menschen seien sicher in erster Linie wegen der Gemeinderatswahl da. Der Europa-Wahlkampf in Mannheim ist nach Ansicht des 39-Jährigen „mit angezogener Handbremse“ geführt worden. „Europa war präsent, aber nicht so präsent wie bundespolitische Themen.“

Als „sehr frustrierend“ bewertet ein anderer Besucher, dass die AfD bei der Europawahl bundesweit Zugewinne verzeichnet. „Das zeigt, dass die großen Parteien ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben“, findet der 70-Jährige. Viele Menschen seien unzufrieden, das müssten die großen Parteien aufnehmen. „Die Grünen haben mit ihren Themen die Wähler mitgerissen.“




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