Ludwigshafen

Reformation Nur wenige wollen Übertragung aus Wittenberg in Apostelkirche verfolgen

"Im Gotteshaus ist es anders"

Archivartikel

Ludwigshafen.Die kleine Antenne steht auf der Kanzel. "Hier einen Internet-Livestream auf die Beine zu stellen, war mir zu riskant", sagt Götz Geburek. Deshalb muss eine DVB-T-Antenne wie beim Fernseher zu Hause die Signale einfangen. Der Pfarrer schaut auf die Leinwand, auf der das Bild flimmert, aber immer wieder hakt. Er drückt die Antenne hier ein bisschen, dann dort. Schließlich passt die Qualität. Die Messe kann starten.

Es ist in der Apostelkirche kein Gottesdienst mit Orgel und Kollekte, keine Lesung oder ähnliches, sondern einer auf Leinwand: der Gottesdienst zum Reformationsjubiläum, live aus Wittenberg. "Es ist der geistige Höhepunkt des Jubiläumsjahres, ja des Jubiläumsjahrzehnts, das wir gefeiert haben." Götz Geburek meint: "Wir ernten jetzt die Früchte der Reformation." Für ihn ist es wichtig, dass seine Gemeinde nicht zu Hause allein vor den Fernseher sitzt und sich den Gottesdienst vom Sofa aus anschaut. "Wir machen es möglich, diesen Gottesdienst in Gemeinschaft zu erleben."

Ein Public Viewing also. Normalerweise kennt man das nur von Fußballspielen oder anderen Sportereignissen, wo manchmal Hunderttausende vor Leinwänden begeistert ihrem Team zujubeln. Zum Reformationsjubiläums haben nun Kirchen in ganz Deutschland eine Übertragung des Gottesdienstes aus Wittenberg auf die Beine gestellt. "Was kann man besseres tun, als dieses Angebot zu schaffen", meint Geburek.

Nicht mehr als 20 Gläubige

In seiner Gemeinde haben viele Mitglieder wohl andere Pläne, denn als die Übertragung aus Wittenberg beginnt, sind die Reihen der Apostelkirche nur spärlich besetzt. Zwar tröpfeln mit der Zeit noch ein, zwei Gäste hinzu, mehr als 20 Gläubige kommen aber nicht, um den Gottesdienst auf der Leinwand zu schauen.

Einer, der kommt, ist Fritz Vogel. "Ich bin hier in der Kirche konfirmiert worden, da vorne rechts saß ich während des Gottesdienstes", erinnert er sich und zeigt mit dem Finger Richtung Seitenschiff. "Seitdem komme ich jeden Sonntag mit dem Fahrrad zur Kirche. Und heute ist es natürlich besonders wichtig." Die Kirche gehöre einfach zu seinem Leben dazu. "Außerdem trifft man hier immer wieder alte Bekannte", sagt er noch, um dann einen Freund zu begrüßen.

Auch für Georgetta Fröhlich ist es wichtig, gerade am Reformationstag die Verbindung zur Kirche zu zeigen: "Wir sind schließlich Christen", sagt sie. Natürlich hätte sie die Übertragung aus Wittenberg auch zu Hause im Wohnzimmer sehen können, "aber es ist doch noch mal anders, wenn wir es hier im Gotteshaus schauen." Das sagt auch Helga Lutwitzi: "Gemeinsam ist es besser. Und schließlich komme ich sonst auch jeden Sonntag in die Kirche." Die Frage, weshalb sie überhaupt gekommen sei, erübrige sich: "Das ist doch klar: Es ist ein wichtiger Tag."

Der Gottesdienst auf der Leinwand ist schlicht gehalten. Der Leipziger Thomanerchor singt, und führende Vertreter der evangelischen Kirche leiten die Messe. Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strom sagt in seiner Predigt: "Die Thesen, die Luther vor 500 Jahren hier an die Kirchentür genagelt hat, geben auch heute noch Kraft für die Gesellschaft." Stefan Bauer, Pfarrer in der Jona-Kirchengemeinde in Ludwigshafen, der ebenfalls bei der Übertragung des Gottesdienstes dabei war, will das so nicht ganz unterschreiben: "Vieles von dem, was Luther gefordert hat, ist mittlerweile abgehakt." Aber: "Die Grundhaltung stimmt. Wir müssen auf den Wegen der Reformation weitergehen und uns auf den Kern der Bibel besinnen. In ihr liegt der Schlüssel zur Kraft in unserem Leben." Mit den Reformationsfeiern und der Übertragung des Gottesdienstes dürfe dieser Weg nicht vorbei sein.