Leserbrief

Zwischen Ansprüchen, Möglichkeiten und Grenzen

Zum Artikel "Ältere Patienten oft nicht optimal versorgt" vom 20. Juli:

Es ist nicht leicht als Altersmediziner (Geriater), die über Jahrzehnte hochbetagte Menschen im Krankenhaus und Rehabilitation behandeln, die Beiträge auf der Titelseite und zweite Seite fast aller Zeitungen der Metropolregion unter dem Titel "Ältere Patienten oft nicht optimal versorgt" und "Kritik an teuren Reha-Angeboten" zu lesen.

Uns fallen sofort ein: einseitig, pauschal, nicht differenziert argumentiert; widersprüchlich; hauptsächlich die Sicht eines Kostträgers; schlecht recherchiert; keinen Bezug zur Region im "Drei-Bundesländereck"; Sommerloch; kein Bezug zur Realität; kaum Platz für kritische Stimmen; nur die kommen zu Wort, die weit weg sind vom Patienten; wenn die Mütter der zitierten Männer im Krankenhaus wären ...; da müssen alle Geriater auf die Barrikaden gehen ...

Herr Straub, Chef der Barmer EK, will "die geriatrische Frühkomplexbehandlung (GFK) nicht abschaffen oder kürzen, sondern den Zuwachs kritisch hinterfragen".

Er blendet damit die im ausführlichen Report der Barmer EK gut beschriebene älter werdende Gesellschaft aus und argumentiert nur aus Sicht des Kostenträgers. Wir werden notwendigerweise die geriatrische ambulante wie stationäre Medizin noch weiter ausbauen müssen, um den Problemen unserer Generation im Älterwerden gerecht zu werden. 

„Die geriatrische Medizin ist die Antwort auf die Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft.“

Bezogen auf das Gesundheitswesen ist die geriatrische Medizin die Antwort auf die Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft. Gesunde beklagen häufig die hohen Kosten der Krankenkassen, Krankenkassen die hohen Ausgaben, die sogenannten Leistungserbringer (also die, die im Gesundheitswesen arbeiten) die Unterfinanzierung.

Die Kranken schätzen die hohe Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitswesens, die im Prinzip jedem, der sie braucht und in Anspruch nehmen will, auch verfügbar ist, und die Fortschritte in allen Bereichen der Medizin (Spezialisierung), was sicherlich ein Grund für das Älterwerden unserer Gesellschaft ist. Wir erleben diese Problematik zwischen Ansprüchen, Möglichkeiten und Grenzen bei unseren Patienten und vor allem deren Angehörigen fast täglich.

Sollten wir den Ausbau der geriatrischen Medizin nicht finanzieren können oder wollen, muss das ebenfalls klar in die öffentliche Diskussion und politisch entschieden werden. Die Strukturen und Entwicklungen unseres Gesundheitswesens sind komplex und für Außenstehende schwierig zu verstehen.

„Die Kranken schätzendie hoheLeistungsfähigkeit unseres Gesundheitswesens [...].“

Trotzdem ist es nicht erlaubt - wie es die Beiträge vom 20.7.2017 tun - Äpfel mit Birnen (geriatrische Akutbehandlung, geriatrische Rehabilitation) zu vergleichen. Gerade im Dreiländereck der Metropolregion zeigen sich die verschiedenen Entwicklungen der Bundesländer besonders eindrücklich.

In Baden Württemberg existiert seit langem die zweigliedrige Versorgung in Krankenhaus (Akutgeriatrie) und Rehabilitation (geriatrische Rehabilitation).In Hessen gibt es nur geriatrische Krankenhausbehandlung und keine geriatrischen Rehabilitationskliniken und in Rheinland-Pfalz entwickelt sich gerade geriatrische Versorgung im Akutkrankenhaus mit wenigen geriatrischen Rehabilitationskliniken.

So sind in Hessen häufig Patienten im Krankenhausbereich, die in Baden-Württemberg in der Rehabilitationsklinik behandelt werden.

In Baden-Württemberg werden in der Geriatrie des Krankenhauses so schwer Erkrankte behandelt, die in Krankenhäusern, Regionen oder Bundesländern ohne das zweigliedrige System meist in den fachspezifischen Abteilungen behandelt werden (Kardiologie, Neurologie etc.). So sind Analysen und vor allem Schlussfolgerungen, die alle Patienten länderübergreifend in einen Topf werfen, nicht möglich.

Matthias Schuler, Chefarzt der Geriatrie am Diakonissen Krankenhaus Mannheim
Nikolai Wezler, Chefarzt der Geriatrie am Diakonissen Krankenhaus Speyer
Diana Franke-Chawdhury, Chefärztin der Geriatrischen Rehabilitationsklinik am Diakonissen Krankenhaus Mannheim

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