Leserbrief

Werteorientierte Bedeutung gegeben

Zum Geistlichen Wort „Sinnstiftende Nation?“ vom 1. September:

Der ehemalige Mannheimer Stadtdekan hat mit seinen Gedanken zur Sinnstiftung und Volksmoral dem „Geistlichen Wort“ eine werteorientierte Bedeutung gegeben. Ich bin beeindruckt von seiner Geschichtsanalyse zur religiösen Entwicklung seit dem ausgehenden Mittelalter bis zur Gegenwart. Ausgangspunkte sind für ihn Herder und Nietzsche.

Herder war ein Wegbereiter für einen organisierten Humanismus. Nietzsche gilt als religiöser Aufklärer, der unter den Nazis bezüglich seiner Thesen zur Evolution umgedeutet wurde. Tatsächlich gilt er als religiöser Aufklärer, der Gott als eine Schöpfung des Menschen ansah. An dieser Stelle erlaube ich mir eine Ergänzung: Die Aufklärung und die Freiheitsbewegungen des 19. Jahrhunderts sind kein Verdienst der Kirchen, sondern ein Ergebnis der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse sowie der Unzufriedenheit des Volkes mit den obrigkeitlichen Attitüden der Kirchen und des Staates samt deren Hierarchien.

Religion ist sinnstiftend

Die Kirchen haben sich sogar lange gegen die Erkenntnisse Darwins gestemmt, weil diese so gar nicht in ihre Traditionen und ihr Weltbild passten. In USA – und vereinzelt auch noch in Deutschland – werden immer noch solche unwissenschaftlichen Thesen in Schulen verbreitet. Die Religion als sinnstiftend anzusehen, dem kann ich als religiöser Mensch zustimmen. Sie wurde jedoch über Jahrhunderte bis heute von den Kirchen missbraucht als Mittel zur Verhaltensbeeinflussung und Machtausübung.

Ob die Menschenwürde von Gott geschenkt wurde, ist für mich in heutiger Zeit nicht erkennbar, zumal sie besonders im Mittelalter, aber auch heute noch von kirchlichen Institutionen mit Füßen getreten wurde und wird. Den Begriff „Solidarität“ kennt die Bibel meines Wissens nicht. Der Begriff „Nächstenliebe“ hat in seiner Absolutheit eine Schwäche: Ohne Gegenseitigkeit steht sie auf tönernen Füßen. Der Finanzkapitalismus in seiner heutigen Ausprägung ist wirklich ein inhumanes Übel. Trotzdem würde ich die gegenwärtige Wirtschaftsform mit freiem Markt und Welthandel verteidigen, da mir keine andere bekannt ist, die die Weltgüterversorgung und Effektivität besser gewährleistet.

Gerechtere Vermögensverteilung

Im Gegensatz zum heutigen Zustand wäre jedoch eine wesentlich stärkere Abfederung der sozialen Komponente sowie die Berücksichtigung individueller Bedürfnisse vonnöten. Sie kann nur durch gesetzliche Regulierungen erreicht werden. Dem Nationalismus können wir meines Erachtens nur begegnen durch gerechtere Vermögensverteilung, eine zukunftsorientierte Sozialpolitik (Rente) sowie – längerfristig – durch Schutz und Erhaltung der Natur.

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/2QawMxS