Leserbrief

Schlechte Lösung als alternativlos verkauft

Zum Thema Stadtbahnen:

Wie bereits mehrfach berichtet wurde, hat die RNV 80 Straßenbahnen für 250 Millionen Euro bestellt, die nicht den Anforderungen an die Barrierefreiheit erfüllen. Dies liegt an den Stufen innerhalb der Züge bei nur zwei kleinen stufenlose Flächen an den Zugenden für Rollstuhlfahrer, Rollatoren, Kinderwagen und Fahrräder. Die nur ansatzweise gegebene Barrierefreiheit begründet die RNV damit, dass man sich für verschleißärmere Drehgestelle entschieden hat. Dies ist aus folgenden Gründen nicht nachvollziehbar:

1. RNV ist Dienstleister, der ein Mobilitätskonzept anzubieten hat. Dieses hat sich primär am Bedarf zu orientieren. Relevant ist die Demografie (steigender Anteil an älteren mobilitätseingeschränkten Fahrgästen) sowie neue Verkehrskonzepte aus Gründen der Luftreinhaltung (unter anderem die Kombination von Fahrrädern und öffentlichen Verkehrsmitteln). Dies hat einen steigenden und nicht sinkenden Bedarf an barrierefreien Flächen in den Straßenbahnen zur Folge. Konzeptlos ist es, barrierefreie Bahnsteige zu bauen und die betreffenden Fahrgäste mangels Kapazitäten „im Regen stehen zu lassen“. Inklusion geht anders!

2. Während bei den bisherigen Straßenbahnen jeweils ein Modul mit Fahrgestell und eines ohne Fahrgestell wechseln, hat bei den neuen Bahnen jedes Modul ein eigenes Fahrgestell. Wären die neuen Straßenbahnen gleichermaßen konzipiert wie die alten, gäbe es erheblich mehr Platz für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste. Der Grund dürfte darin liegen, dass die RNV die einzelnen Module bedarfsweise aneinanderkoppeln will und so die Zuglänge zu variieren beabsichtigt. Die praktische Relevanz darf allerdings durchaus angezweifelt werden. Die RNV hat sich bisher noch nie durch ein bedarfsorientiertes, flexibilisiertes Zugangebot (zum Beispiel Zusammenkoppelung zweier Züge bei Großkundgebungen an Wochenenden) hervorgetan.

Kommunalpolitiker gefragt

3. In anderen Großstädten (zum Beispiel Graz, Linz, Innsbruck, Brüssel, Straßburg, Mailand, Porto, Genf, Marseille, Palermo, Berlin, Augsburg, Krefeld) sind 100-Prozent-Niederflur-Bahnen unterwegs. Diese haben erstaunlicherweise auch Kurven zu bewältigen.

4. Es gibt zumindest einen Hersteller (CAF), der die Niederflurtechnik auch für Drehgestelle anbietet und explizit auf die Kosteneffizienz hinweist: „Das frei drehende Drehgestell und die geeignete Flexibilität des Aufhängungssystems verringern die Verschleißlast auf Räder und Gleise im Vergleich zu herkömmlichen Niederflurstraßenbahnen“.

Ich werde immer misstrauisch, wenn mir schlechte Lösungen als alternativlos verkauft werden. Da frage ich mich: Warum? Das Ausschreibungsverfahren und die Entscheidungsprozesse wären aus meiner Sicht durchaus prüfenswert.

Da man den öffentlichen Nahverkehr der Daseinsvorsorge zurechnen kann, halte ich es für unumgänglich, dass sich jetzt unsere Kommunalpolitiker des Themas annehmen und auf Verbesserungen hinwirken.Sassan Ahadzadeh, Mannheim