Leserbrief

Leserbrief: Zu "Ich bin froh über dieses Signal" (FN, 28. April)

"Schavan verbreitet nur weihrauchgeschwängerte Sprechblasen"

Die linden Lüfte sind erwacht; sie säuseln und weben Tag und Nacht, sie schaffen an allen Enden" - und die Frau Ministerin gibt ein Interview, zu dem Ludwig Uhland kaum ein solch schönes Gedicht eingefallen wäre, wenn er das Interview gelesen hätte. Annette Schavan sieht darin die Gentechnik als "christlichen Weg" zur Bewahrung der Schöpfung. Amen. Um diese ihre, beim gemeinen Volk sehr unpopuläre, Herzensangelegenheit doch noch populär zu machen, verbreitet sie als katholische Theologin eine Unzahl weihrauchgeschwängerter Sprechblasen, die einem ob ihrer Inhaltslehre die Tränen in die Augen treiben. Wenn sich Annette Schavan als Verfechterin dieser Technologie outet, dann hätten wir zumindest einige kritische Anmerkungen zu dem Geschäftsgebaren der Genmultis, allen voran Monsanto, erwartet. Frau Ministerin war ja über die Nichtzulassung des Genmais MON 810 dieser Firma sehr geknickt.

Wer will, kann sich über diesen Verein, der das Gengeschäft global nahezu vollständig beherrscht, informieren, und die Ministerin hat sicher bessere Informationsquellen, als der Normalbürger. Sie müsste es, wenn sie wollte, wissen.

Immerhin strahlte "arte" vor einigen Wochen eine Sendung mit dem Titel "Monsanto - Mit Gift und Genen" aus, die auch als DVD gibt. Dort erfährt man von Wissenschaftlern aller Couleur und ehemaligen US-amerikanischen Ministerialbeamten Erstaunliches, und einiges im Kontrast zur Ministerin:

Monsanto behauptete jahrelang wahrheitswidrig, das Totalherbizid "Roundup" sei biologisch abbaubar. Tatsächlich wurde aber in 28 Tagen nur ein Abbau von 2 % festgestellt

Dan Glickman, US- Landwirtschaftsminster unter Bill Clinton, erklärte, bei der Prüfung der Unbedenklichkeit von Gen-Soja, sei er "starkem Druck ausgesetzt gewesen, das Thema nicht zu forcieren".

James Maryanski, Leiter Biotechnologie der FDA (Food and Drug Administration) von 1985 bis 2006, sagt offen, bei der Grundfrage der der Gleichwertigkeit von genveränderten und nicht genveränderten Lebensmitteln, habe Monsanto der FDA vorgegeben, welche Vorschriften zu gelten haben.

Es sind mehrere Fälle bekannt, wo Mitarbeiter von Monsanto zur Regierungsbehörde FDA, die über die Zulassungen entscheidet, hin und zurück wechselten. In dem Film wird eine erschreckende Vielzahl von Wissenschaftlern und Regierungsbeamten genannt, die sofort gefeuert wurden, nachdem sie Monsanto nicht genehme Expertisen abgegeben haben. (So sieht die Verantwortung der Wissenschaft in der Praxis aus?) Durch die Pantentierung von Pflanzen versucht Monsanto seit geraumer Zeit sein globales Monopol in der Nahrungsmittelproduktion auszubauen.

Dies alles ist nur eine Auswahl der in dem Film dargestellten Skandale. Monsanto ist dabei, das Microsoft der Welternährung zu werden. Eine Ministerin, die nach dem Motto handelt, "stellen wir uns mal ganz dumm" wird zu einem Teil des Problems. Es gibt keine unabhängige Bewertung dieser Technologie, wenn kritische Forscher und Regierungsbeamte in den USA oder England reihenweise entlassen werden und die Ministerin dazu nichts zu sagen hat, außer Phrasen über die Verantwortung der Forschung. So verhindert man Akzeptanz. In diesem Sinn danken wir Frau Schavan für dieses erhellende Interview.