Leserbrief

Leserbrief Zu „Wir stellen ein: Zuwanderer“ und Kommentar „Herzlich willkommen!“ (FN, 13. Februar)

Neokolonialismus im 21. Jahrhundert

Die deutsche Wirtschaft ist in Nöten, Fachkräftemangel, und das, obwohl Mutti ganz schnell wieder an ihren Schreibtisch hetzt, nachdem sie ihren Säugling irgendwo abgeliefert hat. Nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung fehlen in Deutschland pro Jahr mindestens 260 000 Fachkräfte. Hochgerechnet bis 2060 allein aus den sogenannten Drittstaaten 6,3 Millionen. Ärzte, Pfleger, Handwerker, Landwirte.

Doch um den Bedarf der Wirtschaft soll es ausnahmsweise nicht gehen, sondern um Ethik und Moral, es geht um die Fragwürdigkeit des „Wettbewerbs um die schlausten Köpfe“. Wo diese „schlausten Köpfe“ zu finden sind? Doch wohl in den weniger entwickelten Ländern der Erde (Entwicklungsländer, Schwellenländer).

Und diese „schlausten Köpfe“ – werden sie in ihren eigenen Ländern eigentlich nicht gebraucht, damit ihr Land vorankommt?

Wir locken mit den besseren Verdienstmöglichkeiten. Wir haben das Geld, und wir kaufen uns, was wir brauchen. The winner takes it all. Was aus den Herkunftsländern wird, ist uns egal. Es geht ja schließlich um unseren Wohlstand.

Im 19. Jahrhundert haben die Kolonialmächte die materiellen Rohstoffe in den Kolonialstaaten ausgebeutet. Und jetzt, im 21. Jahrhundert, die geistigen? Kolonialismus 2.0?

Vergeblich warte ich auf den Aufschrei all derer, die doch sonst immer so schnell sind mit ihrem moralischen Protest: die Grünen, die NGOs, die Kirchen.

Was wird übrigens, wenn sich die Zuwanderungshoffnungen zerschlagen haben? Vielleicht müssen wir dann selbst länger ran. – Aber das ist ein anderes Kapitel.