Leserbrief

Leserbrief Zu „Die beste Zeit für guten Journalismus ist jetzt“ (FN, 6. November)

„Debatte über die eigenen Standpunkte“

Es ist gut, wenn sich Redaktionen zu Wort melden und ihre Stärken ins Bewusstsein der Leser rufen. Die Verteidigung der Meinungsfreiheit – mit der Option der Meinung eines anderen heftig zu widersprechen – ist geboten.

Insgesamt liest sich jedoch der Artikel eher wie ein Werbeprospekt: bei uns ist alles gut, richtig und professionell. Diese Selbstbeweihräucherung nimmt Glaubwürdigkeit, für mich jedenfalls. Da stößt mir unter anderem der Satz auf, dass man „ . . . ohne verborgene Absichten“ arbeitet.

Diese Haltung ignoriert, dass auch Journalisten anderen Menschen, zum Beispiel dem Herausgeber, der eigenen sozialen Schicht und ihren Informanten verpflichtet sind und entsprechend recherchieren und formulieren. Diese in allen Redaktionen bestehende Abhängigkeit wird im Artikel weder erwähnt und erst recht nicht dargelegt, welche Sicht auf die Welt daraus folgt und was das für die Presseinhalte nach sich zieht. So zu tun, als schwebe man über den Dingen, ist weltfremd.

Dabei will ausnahmslos jeder Journalist das Denken und damit das Handeln von Menschen in einem bestimmten Sinne beeinflussen. Dies passiert zumeist zugunsten der bestehenden Interessenlage der politisch stärksten Kräfte. Unliebsame Fakten werden dabei „übersehen“ und dem ach so geschätzten Kunden vorenthalten. Wer häufiger Gast etwa bei der Sendung „Die Anstalt“ (ZDF) ist, weiß, wovon ich rede. Willkommene Sichtweisen dagegen werden wieder und wieder propagiert.

Wenn die Redaktionen auch eine Debatte über ihre eigenen Standpunkte und Abhängigkeiten initiieren würden, kämen wir der Wirklichkeit beträchtlich näher. Wie wäre es damit?