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Politik Wohnungsnot Top-Thema im Landtagswahlkampf / Gerade im Rhein-Main-Gebiet sind bezahlbare Bleiben knapp

Zu wenig und zu teuer

Frankfurt.Kräne und Bauzäune bestimmen in Teilen Frankfurts das Stadtbild. Im Ostend blickt Marianne Ried von ihrem Balkon auf das Baugerüst davor. Die 83-Jährige lebt seit 59 Jahren in dem Mehrfamilienhaus, das vor fünf Jahren von Investoren aufgekauft wurde. An einer Fotowand hat die Seniorin die Sanierungsmaßnahmen dokumentiert. Die Wohnungen sollten modernisiert und in Eigentumswohnungen umgewandelt werden – seitdem gibt es Klagen und Zivilprozesse. Kein Einzelfall, heißt es bei Mieterbund und Nachbarschaftsinitiativen.

Vertreibung von Bewohnern

In vielen Frankfurter Stadtteilen geht die Sorge vor Gentrifizierung um – also die Aufwertung der Wohnungen durch Eigentümer und Investoren. Höhere Mieten und die damit verbundene Vertreibung eingesessener Bewohner sind Folgen davon. „Statt teurer Wohnungen in Luxuswohntürmen wünschen wir uns mehr innovative Bauprojekte in Frankfurt, durch die bezahlbare und attraktive Mietwohnungen geschaffen werden“, heißt es daher beim Mieterschutzverein Frankfurt.

Einige Mieter haben aufgegeben, wenn wieder einmal die Heizung ausfiel oder durch ein geöffnetes Dach Regen eindrang. Dort fand mittlerweile ein Bewohnerwechsel statt, die übrigen wollen nicht ausziehen. „Ich bin Altenpflegerin. Wo sollte ich in Frankfurt eine bezahlbare Wohnung finden?“, fragt Almuth Meyer, eine der betroffenen Mieterinnen. An dem Baugerüst haben sie Schilder angebracht: „Wir bleiben!“

Und was ist mit denen, die überhaupt erst ankommen wollen in Frankfurt? Wer aus privaten Gründen oder wegen eines Jobwechsels in Hessens größte Stadt zieht, steht erst einmal vor einem Problem: Für Normalverdiener ist es äußerst schwer geworden, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Die Mieten zählen zu den höchsten der Bundesrepublik. 13 bis 15 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter sind normal, deutlich teurere Angebote gibt es auch. Studenten oder Auszubildende, die 700 Euro für ein WG-Zimmer zahlen müssen, sind keineswegs eine Ausnahme. Die Parteien im Landtagswahlkampf haben erkannt: Das Thema spielt eine zentrale Rolle im Werben um Stimmen für den Wahltag am 28. Oktober.

Im vergangenen Jahr stieg die Frankfurter Wohnbevölkerung um fast 11 500 Menschen, voraussichtlich im Herbst erreicht die Stadt die Marke von 750 000 Einwohnern. Vor zehn Jahren hatte Frankfurt noch 100 000 Einwohner weniger, und Städteplaner richten sich auf weiteres Wachstum ein. „Der Polizist, die Krankenschwester, die Grundschullehrerin können sich das Leben in Frankfurt angesichts der Mietpreisentwicklung gar nicht leisten“, sagt Frank Junker, Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG. Ein möglicher Ansatz zur Lösung könnte im Stadtteil Niederrad wachsen: 48 Wohnungen, kostengünstig gebaut, Kaltmieten von zehn Euro pro Quadratmeter. Die Gebäude sind nicht unterkellert, haben kein Treppenhaus im Innern, stattdessen gibt es in den Wohnungen Abstellräume und Treppen entlang der Außenfassade.

Frankfurt kein Einzelfall

„Das sind Wohnungen für den Mittelstand, aber vielleicht nicht gerade für den Chefarzt oder den Bankdirektor“, sagt Junker. Die Wohnungen sind nicht vermietet, doch Anfragen gibt es genug. „Es gibt Leute, die fragen nach einer Warteliste, wenn wir gerade den Bauzaun hochziehen“, so Junker. Das günstige Bauen in Niederrad soll zur Blaupause für weitere Anlagen werden. An einem Kostenfaktor lässt sich auch mit Technik und Planung nichts ändern: „Die Preise für Bauland gehen weiter nach oben.“

Frankfurt ist kein Einzelfall. Auch in Kassel und dem direkten Umland wird die Wohnungssuche schwerer und das Wohnen teurer: Seit 2007 stiegen die Mieten in der Stadt nach Angaben des Immobilienverbands IVD im Durchschnitt um 70 Prozent. Eine gute Wohnung koste kalt zwischen 7,50 Euro bis 9,90 Euro pro Quadratmeter, hieß es. Auch Käufer müssen nach Angaben des Verbands mit weniger Angeboten rechnen: In den vergangenen zwei Jahren hatten sich die Kaufpreise um sieben Prozent erhöht. Ein 150 Quadratmeter großes, gutes Eigenheim koste zwischen 300 000 und 400 000 Euro.

Dabei stehen auf dem Land viele Wohnungen leer, bilanzierte das hessische Verbraucherschutzministerium im vorigen Herbst. So kommen im Werra-Meißner-Kreis 110 Wohnungen auf 100 Haushalte, in Frankfurt sind es zum Vergleich 98 Wohnungen. Nach Berechnungen des Ministeriums fehlen bis zum Jahr 2040 mehr als 500 000 Wohnungen in Hessen, 86 Prozent davon in Südhessen, Kassel und einigen mittelhessischen Universitätsstädten.

In Marburg etwa studieren mehr als 20 000 Hochschüler. Das könne der Wohnungsmarkt nicht einfach so auffangen, wie es beim Studentenwerk heißt. „Umso wichtiger, dass wir Wohnheimplätze anbieten“, sagt Sprecherin Franziska Busch. 2100 Plätze gibt es in Marburger Studentenwohnheimen, weitere sind im Bau oder in der Planung. Gerade zu Beginn der Wintersemester übersteigt die Nachfrage das Angebot. Auch wegen der vergleichsweise günstigen Preise: Die Warmmiete für einen Platz inklusive Internetzugang kostet im Schnitt 250 Euro.