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Medizin Veterinäre werden immer knapper / Viele Absolventen legen Wert auf Balance zwischen Job und Familie

Weniger Ärzte für Großtiere

Wiesbaden.Bei Tierarzt Hans-Günter Uhl klingelt das Telefon regelmäßig auch am späten Abend und am Wochenende. „Er ist immer da, wenn es zählt, egal zu welcher Tageszeit“, sagt Jens Scheich, dessen Familie im südhessischen Groß-Bieberau seit Generationen einen Hof mit Mastbullen bewirtschaftet. Uhl behandelt in seiner Praxis in Reinheim zusammen mit zwei Kolleginnen Katzen, Hunde und andere Haustiere. Rinder, Schafe, Schweine und Pferde besucht er dagegen in der Regel in ihren Ställen oder auf der Weide. Für die Nutztiere könnten in Hessen nach Einschätzung des Präsidenten der Landestierärztekammer, Ingo Stammberger, jedoch bald Veterinäre fehlen.

In ländlichen Gebieten praktizierten immer weniger Einzelkämpfer, sagt Stammberger. Und immer weniger Landtierärzte seien bereit, die Notdienste zu übernehmen. „Die Rufbereitschaft ist das Hauptproblem“, sagt auch Uhl. „Mein Opa hat vier Orte betreut, und ich fahr heute vielleicht in 50 Orte“, sagt der 57-Jährige, der die Praxis in dritter Generation führt. „55 000 Kilometer fahre ich im Jahr, nur Kurzstrecke – und der Verkehr ist grauenhaft.“ Neulich sei er zu einem Pferd mit gebrochenem Fuß eine dreiviertel Stunde unterwegs gewesen. Der Halter hatte es zuvor bei vielen anderen Veterinären versucht: ohne Erfolg.

Finanzieller Druck

„So einen Arbeitsaufwand, wie ihn mein Opa und mein Vater betrieben haben und ich ihn jetzt mache, ist selten geworden“, weiß Uhl. Ob seine Tochter (29), die ihren Doktor in Tiermedizin macht, einmal in vierter Generation mit demselben Elan weitermacht? „Sie gehört der Generation ,Y’ an“, sagt Uhl. Die legt Studien zufolge unter anderem großen Wert auf eine Work-Life-Balance.

Viele Frauen suchten eine Stelle als Tierärztin mit geregelten Arbeitszeiten, berichtet Ingo Stammberger. Nur so ließe sich der Beruf mit einer Familie vereinbaren. Und die meisten Absolventen – rund 90 Prozent – seien nun einmal Frauen. „Ein Drittel der Tierärzte geht in die Praxis, ein Drittel in Ämter oder Universitäten, und ein Drittel ist nach fünf Jahren nicht mehr im Beruf“, sagt Uhl, der auch zweiter Vorsitzender im Bundesverband Praktizierender Tierärzte Hessen ist.

„Für Großtiere kriegt man wenig Nachwuchs“, sagt Uhl auf dem Weg zu einem Bullen mit Lungenentzündung. „In der Zeit, in der ich dahin fahre und ihm eine Spritze gebe, habe ich in der Praxis fünf, sechs Tiere behandelt“, erklärt er. Zudem seien viele Höfe finanziell unter großem Druck. „Was willst du da berechnen?“ Noch zeitaufwendiger sei die Behandlung vereinzelt gehaltener Kühe oder Schafe, die für den Tierarzt erstmal eingefangen werden müssten und dann völlig aufgeregt seien. Eine solche Kuh habe ihn mit einen Tritt gegen den Oberschenkel so schwer verletzt, dass er jetzt wohl operiert werden müsse.

Für Nutztiere seien zudem Spezialisten gefragt. Ein Kleintier-Experte habe nicht alle Medikamente vorrätig, die bei Nutztieren eingesetzt werden dürften, erläutert Stammberger. Und nicht jeder Tierarzt könne ein Pferd operieren, das eine schwere Kolik habe. Es könne brenzlig werden, wenn ein Pferdebesitzer dann mit seinem kranken Tier im Hänger 150 Kilometer zur nächsten Klinik fahren müsse.

„Der Beruf hat sich verändert“, sagt Uhl. Typen wie den englischen Landtierarzt und Buchautor James Herriot („Der Doktor und das liebe Vieh“) gebe es leider nur noch ausnahmsweise. Als Gründe für die Veränderung nennt er beispielsweise die gewachsene Bürokratie, zahlreiche neue Medikamente, Untersuchungen und Impfungen sowie viel mehr Beratung von Tierhaltern und Krankheitsvorbeugung.

Sogar die Rufbereitschaft sei anders geworden. „Wenn früher einer angerufen hat, war es wirklich ein Notfall.“ TV-Serien über Tiernotrettung, die gewachsene Bedeutung von Tieren für manche Menschen und eine Entfremdung von der Natur führten aber dazu, dass der Tierarztnotruf aus vielen Gründen gewählt werde. Einen auf der Autobahn überfahrenen Fuchs, einen entlaufenen Hund und ein aus dem Nest gefallenen Vogel nennt er als Beispiel. Eine Frau habe ihn kürzlich wegen „kleiner Mäuschen“ angerufen, die sie unter einer Platte in ihrem Garten fand. „Soll ich die füttern?“, wollte die Anruferin wissen.