Länder

Kinokultur Kasseler Verein Randfilm bewahrt das 1975 gegründete Geschäft vor Untergang / Internet verdrängt Film-Shops

Videothek wird zum Museum

Kassel.Eine verstaubte Film-Kassette mit unbekanntem Inhalt aus dem Keller der ältesten Videothek Deutschlands – bei einem solchen Fund wird selbst hartgesottenen Filmfans mulmig: „Man kriegt schon Angst, wenn man dann auf Play drückt“, sagen Ralf Stadler (44) und Christoph Langguth (39). Denn was in den Archiven des Kasseler Film-Shops schlummert, wissen selbst die neuen Betreiber nicht. Die beiden gehören zu Randfilm, dem Verein, der vor knapp einem Jahr die Videothek vor dem Untergang bewahrte.

Seitdem sichten Stadler und Langguth Bestände. 22 000 Filme lagern in den verwinkelten Räumen. „Das sagt man zumindest, es gibt keine digitale Erfassung“, erklärt Stadler. Doch bisher haben die Filmfans nach eigenen Aussagen nur gute Erfahrungen beim Sichten der Filme gemacht, obwohl der Bestand von Hollywood-Blockbustern über Klassiker bis hin zu blutigen Splatterfilmen und Pornos reicht.

„Vieles geht verloren“

Diese Mischung will der Kasseler Verein Randfilm erhalten. Er hat sich der Förderung „der abseitigen Film- und Kinokultur“ verschrieben. Der Film-Shop ist ein Stück davon: Die kleine Videothek nahe der Kasseler Innenstadt hat einen legendären Ruf. Das 1975 gegründete Geschäft steht wegen seines Alters im „Guinness-Buch der Rekorde“. Die Betreiber behaupten sogar, es sei die älteste Videothek der Welt.

Doch die Konkurrenz durch den Filmabruf bei Streamingdiensten im Internet setzte dem Film-Shop zu. 2017 drohte das Aus, eine Spendenaktion sollte das Traditionsgeschäft retten. Das Spendenziel von 29 000 Euro wurde zwar verfehlt. Trotzdem übernahm Randfilm die Videothek. Der Verein machte aus der Not eine Tugend: Die abgenutzten, schmuddeligen Räume tragen wesentlich zur Atmosphäre bei. Der Film-Shop entstand aus zwei Wohnungen und einer Fahrschule.

So entstand ein Vorführsaal für 25 Zuschauer mit Leinwand. Auf der sind reguläre Kinofilme zu sehen, die aber kaum ein Kino zeigen wolle, sagt Langguth. An der Wand guckt Terence Hill von einem uralten Filmplakat für „Mister Billion“, darüber posiert Bud Spencer für „Auch die Engel essen Bohnen“. Neue Ausstellungen sollen folgen. Der Film-Shop will an die Zeit erinnern, als Filme durch Techniken wie das Video Home System (VHS) den Massenmarkt eroberten. Für Stadler und Langguth war das eine goldene Zeit: „Das Home-Entertainment hat zu einer Vielfalt geführt“, sagen sie. Die sei heute bedroht: „Die Kultur wird ökonomisiert und vieles geht verloren.“

Videotheken sind schon lange auf dem Rückzug: 4500 gab es zur Jahrtausendwende in Deutschland. Heute sind es laut dem Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD) noch 601. Auch wenn viele das Sortiment um Getränke, Popcorn und Lebensmittel erweitert haben: „Das Hauptgeschäft ist weiter der Film“, sagt IVD-Vorstand Jörg Weinrich. Das Hauptproblem sieht der Verband in der Online-Piraterie. Solange man die nicht in den Griff kriege, sehe es für Videotheken düster aus.

Im Film-Shop geht es seit der Übernahme durch Randfilm aufwärts. „Hier bekommt man auch ältere Filme“, sagt Olga Platzer, die in den Regalen stöbert. Sie wolle die Leute vor Ort unterstützen statt große Streamingdienste.