Länder

Digitalisierung Bundesforschungsministerium testet Konzept in Reutlingen und Chemnitz

Vernetzte Stadt der Zukunft

Reutlingen.So sieht sie also aus, die Zukunft. Ich passiere mit dem Pkw das Ortsschild von Reutlingen und werde vom Smartphone direkt zu einem freien Parkplatz in Innenstadtnähe gelotst. Mein Handy weiß, dass Essenszeit ist und ich italienische Küche mag - es zeigt mir passende Mittagstischangebote in der Nähe, samt appetitlichem Foto und Preis. Ich tippe drauf, kippe das Smartphone um 90 Grad nach links und werde direkt zum gewünschten Lokal gelotst. Unterwegs mache ich noch ein Schnäppchen: Auf meinem Handy ploppt auf, dass es in der Parfümerie nebenan mein Lieblingsparfüm gerade in einer 20-Prozent-Rabatt-Aktion gibt. Und später werde ich, satt und mit voller Einkaufstasche, vom Smartphone wieder zum Auto geleitet. So weit der Plan.

In der Realität stehe ich in der Wilhelmstraße in der Reutlinger City und starre ratlos auf mein Smartphone. Rundherum sind Ladengeschäfte, von denen eigentlich Botschaften auf meinem Handy-Display ankommen sollten, sobald ich in die Nähe komme. Tun sie aber nicht. Die Schnäppchenliste: leer. Die Gastronomie-Liste: Alle umliegenden Cafés sind geschlossen. Das zumindest ist eindeutig geschwindelt.

Daten von Nutzern und Sensoren

So weit das Auge reicht, sind an diesem schönen Nachmittag die Straßencafés gut besetzt. Und als ich auf das Symbol "mein Auto" tippe, wird die App unerwartet beendet. Um mich herum, mindestens ebenso ratlos, stehen Markus Flammer, Chef der Reutlinger Wirtschaftsförderung, eine Mitarbeiterin der Rathaus-Pressestelle und Entwickler Snorri Sigurdsson von der Firma Digital M, der alles über die Reutlingen-App weiß und mein Smartphone besser kennt als ich. Alle Drei starren auf mein Handydisplay. Und beteuern, dass ihnen und anderen das so überhaupt noch nicht passiert sei. Schlimm ist das aber nicht wirklich. Im Gegenteil. Sigurdsson nimmt es sportlich, nachdem er mein Handy gründlich, aber erfolglos auf die richtigen Einstellungen hin gecheckt hat. Denn jetzt funktioniert etwas nicht, das gilt es zu klären. Und schließlich ist das Pilotprojekt ja eine Testphase.

Reutlingen ist neben Chemnitz einziger Schauplatz des Forschungsprojekts "Smart Urban Services" (SUS) des Bundesforschungsministeriums, in dem untersucht wird, wie Städte im Rahmen der Digitalisierung Daten nutzen können. Die Daten kommen einerseits von Nutzern, die sich die smaRT city App aufs Handy geladen haben; andererseits von Sensoren, die registrieren, wie sich die Menschen durch die Stadt bewegen.

"Unser Ansatzpunkt ist, die Innenstadt zu beleben", sagt Flammer. Denn auch in Reutlingen, früher klassische Einkaufsstadt, hat der Innenstadthandel mit Kaufkraftabfluss zu kämpfen. "Wir wollen herausfinden, wie der Einzelhandel digitale Techniken nutzen kann, um gezielt Besucher in die Läden zu holen", so Flammer. 106 der 264 Reutlinger Einzelhändler und Gastronomen hat die Stadt schon für die kostenlose Testphase bis Ende 2018 an Bord, rund 40 von ihnen nutzen die Technik aktiv und schicken über ein walnussgroßes Gerät, den "Beacon", Nachrichten an die App-Nutzer im Umkreis.

"Das geht viel weiter als Werbung oder Rabattangebote, die Händler müssen sich überlegen, wie sie dem Kunden ein schönes Einkaufserlebnis bereiten oder einen bestimmten Service anbieten können", sagt Sigurdsson. Ende Juni hat die Stadt die App zum Download freigeschaltet, 2600 Nutzer sind es schon, 10 000 sollen es noch werden. Parallel dazu werden in diesen Tagen rund 130 Park-Sensoren installiert und 70 Bluetooth-Sensoren, die anonymisierte Bewegungsdaten der App-Nutzer sammeln.

Werbung per Push-Nachrichten

Eine kleine Ahnung davon, wie sich die digitale Zukunft anfühlen könnte, bekomme ich am Ende dann doch noch, nachdem ich mein Dienst-Smartphone ein- und mein privates iPhone ausgepackt habe. Auf dem Weg zurück vom Brunnen am Marktplatz zu meinem Auto vibriert das Handy ein paar Mal sanft in meiner Hand. Push-Nachrichten weisen mich auf eine Frankreich-Sonderausstellung hin, als ich den örtlichen Großbuchhändler passiere; ein Bettengeschäft erinnert mich daran, dass die Nächte bald kühler werden, und schlägt warme Bettwäsche vor; eine Bäckerei verspricht mir eine Gratis-Brezel, wenn ich hereinkomme und ein Brot kaufe. Was ich dann auch gerne mache.

Von der Stadt sehe ich aber nicht viel, weil ich beim Bummeln immer wieder aufs Handy schaue - noch mehr als sonst. Das Café, in dem ich mich dann auf einen Espresso niederlasse, hat mir übrigens keine Push-Nachricht geschickt. Es sah einfach nett aus.