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Schule Eisenmann kritisiert den Ländervergleich / Lehrergewerkschaft fürchtet Scheitern

Südwesten bei Inklusion im Rückwärtsgang

Archivartikel

Stuttgart.Beim gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung verzeichnen Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bayern Verschlechterungen. Der Anteil der Kinder in Förderschulen ist nach einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung in den drei Ländern sogar leicht gestiegen. Eine Sprecherin des baden-württembergischen Kultusministeriums kritisiert den Ländervergleich: „Die Quote allein kann nicht der entscheidende Indikator für den Erfolg der Inklusion sein.“ Für die Lehrergewerkschaft GEW steht die Inklusion bereits „vor dem Scheitern“.

Grundlage der Vergleichsstudie des Bildungswissenschaftlers Klaus Klemm ist die sogenannte Exklusionsquote, die den Anteil der Kinder in Förderschulen angibt. Der ist bundesweit seit 2008/2009, als Deutschland die UN-Konvention für Behindertenrechte unterzeichnete, von 4,9 auf 4,3 Prozent zurückgegangen. „Die Inklusion kommt an den Schulen voran“, bilanziert Jörg Dräger, der Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Allerdings gibt es regionale Unterschiede. Eine Erklärung für den Anstieg der Exklusionsquote in Baden-Württemberg von 4,7 auf 4,9 Prozent liefert die Studie nicht. Im Schuljahr 2016/17 besuchten nach Klemms Erhebung im Südwesten 49 300 Kinder Förderschulen, rund 2000 mehr als zehn Jahre zuvor. Inklusive Angebote hätten 26 500 Schüler besucht. In Rheinland-Pfalz stieg die Quote von 3,8 auf 4,0 Prozent.

Für zwölf Bundesländer kommt Klemm auf Rückgänge der Exklusionsquoten: Thüringen zum Beispiel erreichte nahezu eine Halbierung. In Hessen kam es nur zu einer leichten Verbesserung auf 4,1 Prozent. Beim Spitzenreiter Bremen besuchen nur noch 1,2 Prozent der Schüler in den Klassen Eins bis Zehn Förderschulen. Es folgen Schleswig-Holstein und Berlin. Die höchsten Quoten haben Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Das Stuttgarter Kultusministerium versucht, Klemms Befunde zu relativieren. „Bei der Inklusion sollte es nicht um Quoten gehen, sondern um die Frage, an welchem Lernort die Schüler ihre Potenziale am besten entfalten können.“ Eltern würden sich für spezifische Bildungsangebote entscheiden, um ihren Kindern ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Unabhängigkeit und zu sichern. Seit 2015, als die Sonderschulpflicht gestrichen wurde, haben die Eltern ein Wahlrecht. Vorangegangen waren heftige Auseinandersetzungen.

Das Ministerium kritisiert zudem, Klemm übersehe die im Südwesten bewährte Kooperation von sonderpädagogischen Betreuungszentren und allgemeinbildenden Schulen. 3200 Kinder würden die 620 Partnerklassen an Regelschulen besuchen. Das Ziel sei möglichst viel gemeinsamer Unterricht von Schülern mit und ohne Handicap.

„Inklusion ist das Thema, bei dem ich mich am meisten dafür schäme, wie stiefmütterlich Grüne und CDU, aber auch viele Kommunen in unserem wohlhabenden Land damit umgehen“, kritisiert für die Lehrergewerkschaft GEW Landeschefin Doro Moritz. Durch Stellenstreichungen und steigende Schülerzahlen hätten sich die Bedingungen sogar verschlechtert. Moritz: „Die Rückmeldungen aus den Schulen zeigen, dass so die Inklusion vor dem Scheitern steht.“ Notwendig seien mehr Weiterbildung und mehr Studienplätze.

Die Lehrer würden sich der Inklusion nicht verweigern, betont die Gewerkschaftschefin. Stiftungsmann Dräger berichtet dagegen von „Unbehagen an der Inklusion in vielen Lehrerzimmern“. Die Skepsis der Lehrkräfte müsse ernst genommen werden. Er fordert „wirksame Unterstützungssystem für die Schulen“.

Gerhard Kleinböck (SPD) wirft Grünen und CDU Untätigkeit vor. Seine Fraktion habe ein auf 15 Jahre angelegtes Stufenmodell ausgearbeitet, um mehr sonderpädagogische Fachkräfte an die Schulen zu bekommen. Die mangelhafte Ausstattung der Schulen untergrabe die Inklusion. Dagegen verteidigt die Mannheimer Grünen-Abgeordnete Elke Zimmer das mit der SPD durchgesetzte Konzept. „Die SPD sollte nicht kleinreden, was wir zusammen auf den Weg gebracht haben.“

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