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Bilanz Andreas Stoch vor einem Jahr ins Amt gewählt / Innerparteiliche Gräben überwunden

SPD-Landeschef muss anpacken

Archivartikel

Stuttgart.Er sprintet die Treppen rauf und runter und macht nicht den Eindruck, als ob er dabei ins Schwitzen geraten würde: SPD-Landeschef Andreas Stoch hilft drei Stunden lang in Stuttgart als Paketbote aus. Mehr als ein Mal ist der Aufzug kaputt. Aber das gehört dazu, wenn man Pakete austrägt. „Wir sollten gucken, dass die Paketboten gute Arbeitsbedingungen und gute Löhne kriegen“, sagt der 50-Jährige.

Stoch verweist im Nebensatz auf ein neues Gesetz, das „die SPD“ in Berlin gemacht hat und das dafür sorgen soll, dass Sozialbeiträge für Paketboten korrekt gezahlt werden. Schornsteinfeger, Bäcker, Altenpfleger oder auch Gärtner: Stoch hat sich quasi als Praktikant in den vergangenen Wochen in vielen Berufen umgesehen. „Mir geht es darum, zu zeigen, dass Politiker nicht abgehoben sind, sondern ganz normale Leute, die mit anpacken können“, erklärt er die Aktion „Stoch packt’s an“. Anpacken, das muss er auch in der eigenen Partei, die er seit einem Jahr als Vorsitzender führt.

Rückblick: Im Herbst 2018 traten die amtierende Landesvorsitzende Leni Breymaier und der Bundestagsabgeordnete Lars Castellucci in einer Mitgliederbefragung um den Parteivorsitz gegeneinander an. Breymaier und ihre Generalsekretärin Luisa Boos, die beide zum linken Parteiflügel zählen, hatten zuvor mit vielen internen Widerständen zu tun. Dann die Überraschung: Das Mitgliedervotum ging zwar knapp zugunsten von Breymaier aus. Doch warf sie entnervt hin. Kurzfristig entschied Landtagsfraktionschef Stoch, gegen Castellucci auf dem Parteitag am 24. November anzutreten – und gewann.

Verhältnisse angespannt

Die baden-württembergische SPD galt bundesweit als zerstrittener Haufen. Stoch versprach, alles dafür zu tun, die Grabenkämpfe in der Partei zu beenden. Tatsächlich scheint ihm das gelungen zu sein. Ein Vorteil mag dabei auch sein, dass Stoch sowohl Landes- als auch Fraktionschef der SPD ist. In früheren Jahren war das Verhältnis zwischen diesen beiden Zentren der Südwest-SPD oft angespannt.

„Ich bin heilfroh, wie es im Moment läuft“, sagt etwa der SPD-Kreisvorsitzende von Schwäbisch Hall, Nikolaos Sakellariou. In die Partei sei Ruhe eingekehrt. Der Stuttgarter SPD-Kreischef Dejan Perc sagt: „Man merkt nichts mehr von den Auseinandersetzungen, die es damals vor dem Parteitag gab.“ Mit der Kampagne für gebührenfreie Kitas in Baden-Württemberg habe die Partei ein Thema gefunden, das die Mitglieder mobilisiere. Inhaltlich wünscht sich Perc noch mehr Akzente von der Landespartei – etwa ein Eintreten für eine Reform des Landtagswahlrechts, um den Frauenanteil im Parlament zu erhöhen.

Auch Juso-Landeschef Pavlos Wacker sagt, Stoch gehe die Aufgabe, die innerparteilichen Gräben zu überwinden, sehr souverän an. Mit ihm an der Spitze gewinne die Partei landespolitisches Profil.

Umfragewerte gesunken

Der Oberbürgermeister von Wertheim, Markus Herrera Torrez, der damals Castellucci unterstützte, lobt Stochs sachlichen Stil. Am Ende, so sagt Herrera Torrez, zähle aber das, was für die SPD bei der Landtagswahl 2021 herauskomme. Die Partei müsse an Zuspruch gewinnen und Wähler von CDU und Grünen zurückholen: „Da ist noch Luft nach oben“, stellt das Wertheimer Stadtoberhaupt fest. Tatsächlich sind die Werte für die SPD zeitweise noch gesunken, seitdem Stoch den Vorsitz übernommen hat. In einer Befragung von Infratest dimap im Auftrag von SWR und „Stuttgarter Zeitung“ vom September erreichten die Genossen mickrige acht Prozent. Stoch versuchte erst gar nicht, diese Zahl schönzureden. „Das ist eine Katastrophe.“ Fragt man in der SPD herum, werden diese Werte aber vor allem dem Erscheinungsbild der Bundespartei zugeschrieben, die seit dem Frühsommer auf der Suche nach einer neuen Führung ist. dpa

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