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Soziales Neues Schutzgesetz bringt mehr Transparenz ins Rotlichtmilieu / Beratungspflicht hilft betroffenen Frauen

„Prostitution bleibt Gewalt“

Stuttgart.Sabine Constabel kann nicht mehr viel überraschen. Seit 30 Jahren ist die Sozialarbeiterin für die Stadt Stuttgart in der Prostituiertenhilfe im Einsatz. Ihr Arbeitsplatz ist die gemeinsame Anlaufstelle für Prostituierte mitten im Rotlichtviertel. Hier sind das von Gesundheitsamt und Caritasverband betriebene Café „La Strada“ für Frauen und das Café „Strich-Punkt“ für männliche Prostituierte, betrieben von der Aids-Hilfe Stuttgart und dem Verein für Jugendliche. Hier gibt es gesunde Mahlzeiten, Kleidung, Kondome und Gleitmittel, aber auch Rechtshilfe, Gesundheitsberatung, Sprachkurse – und immer ein offenes Ohr. Und das alles kostenlos.

Constabel sieht täglich, wo das seit 2017 in Kraft getretene neue Prostituiertenschutzgesetz greift – und wo nicht. „Es ist untauglich, um Opfern von Menschenhandel zu helfen“, sagt sie. „Dazu bräuchte es andere Gesetze. Aber die Situation ist einen Tick transparenter geworden. Früher wusste niemand genau, wie viele Frauen in wie vielen Betrieben arbeiten. Jetzt bekommt man einen besseren Eindruck davon.“

Umstände werden verbessert

Ihr Lagebericht ist bitter. „Es gibt eine große Nachfrage nach sehr jungen Frauen, die kein Deutsch können.“ Junge Mädchen aus Osteuropa, „die zuhause nicht einmal mit ihren Freundinnen über Sex geredet haben“. Oft würden sie im Ausland von auf sie angesetzten jungen Männern rekrutiert. In Deutschland werden sie „Freiern ausgeliefert, die einen Porno nachspielen wollen und glauben, sie können sich das Recht erkaufen, Frauen zu benutzen.“

Ein altes Muster. Neu ist: Bordellbetreiber werden überprüft und brauchen eine Anmeldung. Erstmals gibt es Vorschriften. Die Trennung von Arbeits- und Schlafplatz, Hygienestandards und Sozialräume, einen vom Bett aus erreichbaren Notrufknopf – es gilt Kondompflicht. Vorschriften, die nicht Prostitution bekämpfen, sondern die Umstände verbessern.

Die umstrittenste Neuerung war die Anmeldungspflicht für Prostituierte, Kritiker fürchteten eine Stigmatisierung. Jetzt zeigt sich: Das wird dankbar angenommen. Zwei Behördengespräche müssen die Frauen absolvieren – eine Gesundheits- und eine Sozialberatung –, bevor sie ihre Anmeldescheine bekommen. In Stuttgart ist das kostenlos, andernorts kassieren die Behörden.

Die Frauen dürfen nur allein kommen, „Begleiter“ bleiben draußen. Weil kaum eine der Frauen Deutsch kann, übersetzen Videodolmetscher. Es gibt Infos über Steuer, Versicherung, Arbeitsrecht und -schutz, Impfschutz, Gesundheits- und Schwangerschaftsprävention; Anlaufstellen und soziale Hilfs- und Ausstiegsangebote. „Vielen wird bei den Gesprächen erst klar, um was es geht“, sagt Sozialberaterin Ursula Peichl vom Gesundheitsamt der Stadt. „Und manche melden sich danach nicht an.“

Adressen per Handy

Auch Constabel hört Gutes über die Beratung. „Zumindest gibt es jetzt eine Stelle, an der ihnen gesagt wird: Du musst das nicht mit dir machen lassen. Du kannst Hilfe bekommen.“ Die Zahl der Sexarbeiterinnen ist in Stuttgart seit 2013 etwa gleich geblieben. 490 Prostituierte, die täglich anschaffen, weist die Statistik von 2017 aus. Rund 90 Prozent sind Ausländerinnen. Der Überblick ist schwierig, weil Ortswechsel üblich sind.

Steffen Magewski, Leiter des Arbeitsbereichs Prostitution am Polizeipräsidium Stuttgart, registriert seit der Genehmigungspflicht eine Verlagerung. Zuhälter weichen auf andere Objekte aus, die Adressen gibt es per Handy erst nach Internet-Anbahnung. 142 bekannte Objekte listet die Stadt derzeit auf, in 95 Betrieben hat das Amt für Sicherheit und Ordnung seit 2018 Kontrollen gemacht. Zweimal hat das Amt den Betrieb untersagt.

Prostitution ist legal in Deutschland. „Aber sie ist eben kein Job wie jeder andere“, sagt Constabel. „Der Kern ist und bleibt Gewalt.“

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