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Pflege TV-Bericht kritisierte fixierte Patienten, Überbelegung und Personalmangel / Gutachter hält Vorwürfe für zum Teil berechtigt

Klinik arbeitet Missstände auf

Frankfurt.Im März hatte der Bericht des Teams von Enthüllungsjournalist Günter Wallraff über Missstände in der geschlossenen Psychiatrie des Klinikums Frankfurt-Höchst erhebliches Aufsehen erregt. Ein halbes Jahr später haben die politisch Verantwortlichen, die Klinik selbst und der als Gutachter eingesetzte Mediziner am Mittwoch eine erste Bilanz der Auswertung und der Folgerungen daraus gezogen.

Fazit: Die Vorwürfe sind zu einem Gutteil, aber nicht allesamt berechtigt. Konsequenzen im Sinne einer besseren Versorgung der Patienten sollen aber sowohl in Höchst als auch in der Psychiatrie insgesamt gezogen werden. Als Ziel nannten Sozialminister Kai Klose und der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (beide Grüne) weniger Zwang und die stärkere Einbeziehung der Kranken selbst.

Gutachter Hans-Joachim Kirschenbauer, Psychiater mit Erfahrung sowohl in Höchst als auch dem städtischen Gesundheitsamt, kommt in seinem gut 170 Seiten umfassenden Zwischenbericht zu dem Schluss, dass vier der zwölf in dem TV-Bericht genannten Vorwürfe in vollem Umfang berechtigt sind, drei teilweise und fünf unberechtigt.

Für berechtigt hält er etwa die Kritik an mangelnden Therapiemöglichkeiten in der geschlossenen Station und deren Überbelegung. Unberechtigt sei dagegen zum Beispiel der Vorwurf mangelnder Sauberkeit. Sozialminister Klose betont, nach den vorliegenden Erkenntnissen seien alle gezeigten Fixierungen von Patienten ans Bett ärztlich indiziert gewesen.

Einzelheiten zu den in der Sendung gezeigten Personen verbiete jedoch der Datenschutz. Nachdem deren Persönlichkeitsrechte bereits im Fernsehen verletzt worden seien, wolle man jetzt keine weitere mit Details aus den Krankenakten hinzufügen, sagte Stadtrat Majer.

Recherchen vor Ort

Als teilweise zutreffend stufte der Gutachter die Vorwürfe über Unfreundlichkeit des Personals und mangelndes Eingehen auf die Patienten ein. Dies könnte auch mit dem Personalmangel in der Station zusammenhängen. Minister Klose versicherte, er werde sich weiter für einen besseren Personalschlüssel in der Psychiatrie einsetzen, über den er aber leider nicht selbst entscheiden könne. Bei seinen Recherchen vor Ort traf der Gutachter nach eigenen Angaben allerdings auch viele Mitarbeiter an, die „mit großem Engagement und Herzblut“ bei der Sache seien. Diese dürften nach seiner Einschätzung auch in der Lage sein, für die anstehenden strukturellen Veränderungen im Sinne einer besseren Versorgung der Patienten zusätzliche Reserven zu mobilisieren. Allerdings gebe es auch Beschäftigte, die Veränderungen als Bedrohung empfänden.

Die Klinik-Geschäftsführerin Dorothea Dreizehnter sagte, zu den bereits vorgenommenen Veränderungen in dem Krankenhaus gehöre auch, dass bei Personalmangel weniger Patienten aufgenommen würden. Das in dem Fernsehbericht gezeigte negative Bild habe Folgen gehabt, die die Klinik und ihre Mitarbeiter noch heute spürten. Gleichwohl sei sie aber zu Veränderungen bereit und habe auch schon erste Schlussfolgerungen gezogen. Dazu gehört, dass die Sitzwachen bei fixierten Patienten jetzt nur noch von Pflegehelfern übernommen werden und nicht mehr von externen Firmenkräften. Klose und Majer wiesen darauf hin, dass Deeskalation und entsprechender Umgang mit aggressiven Patienten stärker vermittelt werden.

Kirschenbauer lobt Aufklärung

Gutachter Kirschenbauer lobte ausdrücklich den Willen von Land, Stadt und Klinik zur rückhaltlosen Aufklärung der Vorwürfe und den nötigen Konsequenzen. Sein Zwischenbericht beinhaltet nur die Aufklärung der Vorwürfe und eine Bestandsaufnahme der psychiatrischen Klinik. Die eigentlichen Handlungsempfehlungen folgen noch. Er fordetze aber bereits, auch das Aufnahme- und Entlassungsmanagement zu verbessern.

Dass es in der geschlossenen Station zu wenige Therapieangebote gebe, hänge auch damit zusammen, dass die vorhandene Therapiewerkstatt außerhalb davon liege und für eingewiesene Patienten nicht zugänglich sei. Weiter forderte der Arzt mehr Zugang der dortigen Patienten zum Garten sowie ein Konzept für die Chefarztvisite. Mit den Patienten müsse mehr gesprochen werden, auch sollten Angehörige und nichtstationäre Angebote stärker einbezogen werden.