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Innere Sicherheit Beamte simulieren mit Großaufgebot in Stuttgart brutale Anschläge in Zügen

Kampf gegen Terror am Bahnsteig

Stuttgart.Mit einem lauten Knall geht es los. Nach der Explosion eines Sprengsatzes peitschen Schüsse durch den Regionalzug aus Tübingen, der auf Gleis 4 des Stuttgarter Hauptbahnhofs eingefahren ist. Passagiere springen schreiend auf den Bahnsteig, verfolgt von drei vermummten Männern mit Maschinenpistolen. Brutal schießen sie auf die fliehenden Menschen, einige sinken schwer verletzt oder tot zu Boden. Die Sekunden ziehen sich unendlich, dann tauchen sechs Polizisten am Bahnsteig auf, die sofort das Feuer auf die Terroristen eröffnen. Es herrscht Panik. Trotzdem werden zwei der Vermummten schnell überwältigt.

Neue Tätergeneration

Die Übung dauert nur wenige Minuten und ist hauptsächlich für die zahlreichen Fernsehkameras gemacht. Die Polizei will demonstrieren, dass sie für Anschläge in Zügen oder belebten Bahnhöfen gewappnet ist. „Bahnhöfe und Flughäfen als Teil der Infrastruktur sind besonders attraktive Ziele für Terroristen“, sagt Peter Holzem, der Präsident der Bundespolizeidirektion Stuttgart.

Die Terroristenbekämpfung hat sich grundlegend geändert, seit Attentäter den eigenen Tod einkalkulieren und extrem brutal vorgehen. „Bei solchen Anschlägen sterben jede Sekunde Menschen“, sagt einer der Beamten. Deshalb kann die Polizei nicht mehr bis zum Eintreffen von Spezialkräften warten. Die neue Strategie sieht vor, dass sofort diejenigen Beamten den Kampf aufnehmen, die als erste am Tatort eintreffen. In Baden-Württemberg wurden schon nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen mit 16 Toten alle Streifenwagen mit schweren Schutzwesten und Schnellfeuerwaffen ausgerüstet. „Das wird regelmäßig geübt“, erklärt der Stuttgarter Polizeipräsident Franz Lutz am Rande. In dieser Nacht geht es aber vor allem um das Zusammenspiel von Landes- und Bundespolizei.

Bei der Vorführung für die Medien legt die Polizei ihre taktischen Karten nicht offen. Richtig geübt wird erst, als die Journalisten den abgesperrten Bereich wieder verlassen haben. „Wir wollen ja eventuellen Tätern unser Vorgehen nicht zeigen“, erklärt einer der zahlreichen Sprecher. In vier Schichten simulieren dann möglichst viele Beamte die Erfahrung eines Einsatzes, bei dem das eigene Leben auf dem Spiel steht. 1000 Beteiligte üben den Anti-Terror-Kampf in der Nacht zu Mittwoch sieben Stunden lang.

Binnen Minuten müssen die Beamten im Ernstfall aus einer gemütlichen Streifenfahrt quasi in den Kriegsmodus wechseln. Die Organisatoren haben sogar die Spezialisten der Bundeswehr nach Stuttgart gebeten, um die 400 Polizeischüler zu blutüberströmten Opfern zu schminken. Die laufen dann panisch und laut schreiend über den Bahnsteig und erschweren den Beamten in der Simulation die Bekämpfung der Täter. Einige wälzen sich scheinbar schwer verletzt auf dem Boden.

„Die Übung hat die Reaktions- und Handlungsfähigkeit unserer Polizisten unter Beweis gestellt und außerdem gezeigt, dass sich die bisherigen Fortbildungsmaßnahmen ausgezahlt haben“, bilanziert Holzem gestern Nachmittag die Großübung als Erfolg. Sein Präsidentenkollege Lutz sieht nach dem Praxistest aber auch „Impulse für weitere Fortbildungen und das Zusammenwirken der Einheiten“. Solche Einsätze seien sehr abstimmungsintensiv. Obwohl es sich um eine Übung gehandelt habe, sei die Stresssituation unübersehbar gewesen.

Als „gut und wichtig“ wertet Innen-Staatssekretär Julian Würtenberger die gemeinsame Übung der Bundes- und der Landespolizei. Die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus sei unverändert hoch. Um größtmögliche Sicherheit zu erreichen, müsse das „Unvorstellbare vorgedacht und die Bewältigung komplexer Lagen durchgespielt werden“.

Ähnliche Großübungen hat es bereits in anderen Städten gegeben. Nun habe man bewusst den Stuttgarter Bahnhof mit seinen durch die Großbaustelle erschwerten Bedingungen gewählt, erläutert Holzem vor der Absperrung. „Was hier funktioniert, können wir auf anderen Bahnhöfen sicher anwenden“, sagt er. Inzwischen haben sich die ersten Stuttgart-21-Gegner unter die Journalisten gemischt. Einer will am Rande der Baugrube wissen, ob „der Bahnhof jetzt oben bleibt“.