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Gesundheit Zweiräder werden im Frühjahr und Sommer zu immer größeren Ärgernissen für Anwohner

Kampf gegen Motorradlärm

Stuttgart.Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann und der Lärmschutzbeauftragte des Landes, Thomas Marwein (beide Grüne), fordern deutlich höhere Strafen für Fahrer lauter und manipulierter Motorräder. „Ich könnte mir sogar eine Verzehnfachung der aktuellen Strafhöhen vorstellen. Das schreckt sonst niemanden ab“, erklärte Marwein gestern in Stuttgart. Hermann wiederum plant, hierzu noch vor der Sommerpause eine Bundesratsinitiative auf den Weg zu bringen – und hofft auf die Unterstützung von Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz.

Aktuell bewegen sich die Bußgelder in diesem Bereich zwischen 20 und mehreren Hundert Euro. Hermann, Marwein und die Bürgermeisterin der Schwarzwald-Kommune Sasbachwalden, Sonja Schuchter, stellten gestern in Stuttgart gleich einen ganzen Forderungskatalog für weniger Motorradlärm vor.

Dieser wird getragen von einer landesweiten Initiative, die im Juli 2018 gegründet wurde und der im Südwesten inzwischen 74 Städte und Gemeinden sowie sieben Landkreise angehören. Rathauschefin Schuchter ist die Sprecherin der Initiative. Deren Forderungskatalog ist groß – und umfasst neben drastischeren Strafen auch geänderte Zulassungsregeln für Motorräder, mehr Kontrollen vor allem auf viel befahrenen Strecken oder mehr Tempolimits. Auch die Hersteller seien in der Pflicht – und müssten durch die Produktion leiserer Maschine ihren Beitrag leisten. Gefordert wird vor allem eine verstärkte Umstellung auf Elektroantriebe.

Landesweite Initiative

In Baden-Württemberg wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Motorräder zugelassen: Deren Zahl stieg von rund 79 000 im Jahr 1970 über 480 000 zur Jahrtausendwende auf heute rund 680 000 an. Dies hat gerade in den für Motorradfahrer attraktiven Tourismusgegenden – dazu gehören unter anderem der Schwarzwald, die Schwäbische Alb oder auch die Löwensteiner Berge – in den vergangenen Jahren zu einer zunehmenden Lärmbelästigung von Anwohnern geführt.

Schuchter wollte keinen Generalverdacht aussprechen – aber unter den Fahrern gebe es eben auch „schwarze Schafe“. Sie schätzt, dass der Anteil der Biker mit sehr lauten Maschinen bei fünf bis zehn Prozent liege. Da Motorradfahrer mit normaler Lärmbelastung gern gesehene Touristen seien, spricht sich die Schwarzwälderin gegen generelle Streckensperrungen aus.

Für das Umweltbundesamt und den Bund für Umwelt und Naturschutz ist das Problem sogar noch größer – sie gehen davon aus, dass jedes dritte Fahrzeug zu laut ist. Die hohe Zahl an Unterstützern der Initiative in Baden-Württemberg sei ein „deutlicher Weckruf für die politischen Entscheidungsträger beim Bund und in der Europäischen Union, Maßnahmen zu ergreifen, die Lärmbelastung durch Motorräder wirkungsvoll zu senken“, so Hermann.

„Wie die Bienenschwärme“

Schuchter schilderte ihre Erfahrungen aus Sasbachwalden. In der 2500-Einwohner-Gemeinde mit einem Höhenunterschied auf der Gemarkung von 1000 Metern ist der Lärm von Motorrädern ein Riesenproblem. Diese kämen in der Hauptsaison „wie die Bienenschwärme“, sagte Schuchter. Bei den Anwohnern würde das Geschirr klappern, wenn die Zweiradfahrer durch den Ort rasten.

Viele der betroffenen Kommunen in der Initiative haben sogenannte Lärm-Displays beantragt. Mit diesen werden die Krachmacher per Digital-Anzeige am Straßenrand dazu aufgefordert, leiser und langsamer zu fahren. Die Anschaffung eines solchen Geräts kostet die Kommune jedoch rund 15 000 Euro pro Stück – wird aber vom Land gefördert. Sasbachwalden will sich ein solches Display jedenfalls anschaffen. Schuchter: „Ich werde so lange keine Ruhe geben, bis wir bei uns Ruhe haben.“

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