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Luftschadstoffe Erstmals könnten 2018 in Stuttgart EU-Grenzwerte eingehalten werden / CDU-Landtagsfraktion stellt Alarm infrage

Feinstaubwerte sinken stark

Stuttgart.Erstmals seit Beginn der Messungen vor 13 Jahren könnten am Stuttgarter Neckartor die Vorgaben für den Feinstaub erfüllt werden. „Wir haben 2018 die große Chance, dass wir die Grenzwerte einhalten“, sagt Stuttgarts OB Fritz Kuhn zum Ende der aktuellen Alarmperiode. Von Mitte Oktober 2017 bis Mitte April 2018 kam es an der Messstation „Am Neckartor“ an 23 Tagen zu Überschreitungen des von der EU vorgegebenen Grenzwerts. In der Winterperiode 2016/2017 wurden noch an 64 Tagen mehr als 50 Mikrogramm Feinstaub festgestellt. Die EU erlaubt jährlich Überschreitungen dieses Werts an 35 Tagen.

Das Stuttgarter Neckartor gilt als schmutzigste Kreuzung Deutschlands. An keiner anderen Messstelle der Republik wurden zuletzt so hohe Feinstaubwerte festgestellt. Es war letztes Jahr auch die landesweit einzige, an der die EU-Obergrenze gerissen wurde. Rückgänge gibt es auch beim Stickoxid, allerdings sind für diesen Schadstoff die Grenzwerte noch weit überschritten. Deshalb bereitet Grünen-Verkehrsminister Winfried Hermann auch Fahrverbote für ältere Autos mit Dieselmotoren vor, die aber der Koalitionspartner CDU vehement ablehnt.

Günstiges Wetter

Für die erheblichen Verbesserungen beim Feinstaub gibt es verschiedene Gründe. „Der Rückgang der Tage mit Überschreitungen lag zu einem erheblichen Teil an der günstigeren Wetterlage“, erklärt Uwe Schickedanz vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Der letzte Winter sei für niedrigere Belastungen eher günstig gewesen, der davor mit vielen kalten, ruhigen Tagen und Inversionswetterlagen dagegen sehr ungünstig. Dann kann die mit Schadstoffen belastete Luft nicht aufsteigen.

Welchen Einfluss die von der Politik durchgesetzten Maßnahmen haben, wird derzeit ausgewertet. Kuhn verweist darauf, dass erstmals in diesem Winter der Betrieb von Komfort-Kaminen bei Feinstaubalarm untersagt war. Außerdem werden die Straßen rund ums Neckartor jede Nacht gekehrt. Erste Auswertungen haben nach Kuhns Angaben „einen positiven Effekt auf die Feinstaubwerte“ gezeigt. Daneben wurde versuchsweise eine Mooswand am Straßenrand gepflanzt. Im Labor hatte sich gezeigt, dass Moose Feinstaub reduzieren können. Im Realbetrieb laufen die Messungen noch.

Völlig unklar ist, wie sich der Feinstaubausstoß bei den Autos entwickelt hat. In den sechs Wintermonaten ruft die Stadt Feinstaubalarm aus, wenn Grenzwertüberschreitungen drohen. Autofahrer sollen dann freiwillig auf Busse und Bahnen umsteigen. Der Erfolg ist aber überschaubar. „Es gibt keinen merklichen Rückgang des Verkehrs“, räumt eine Sprecherin der Stadt ein.

Für den CDU-Landtagsabgeordneten Thomas Dörflinger ist das Grund genug, den Feinstaubalarm infrage zu stellen. „Das ist einen Gedanken wert“, sagt der Verkehrsexperte noch vorsichtig. Er verweist auf die Auswertung der verschiedenen Maßnahmen, die erst im Juli abgeschlossen sei: „Danach könnte sich aus meiner Sicht die Frage nach dem Verzicht stellen.“ In jedem Fall sei Feinstaub als Thema „weit in den Hintergrund gerückt“.

Auch Kuhn deutet einen Verzicht zumindest an. „Meine Botschaft ist: Wir dürfen jetzt nicht nachlassen. Dann hat sich das Thema Feinstaub für Stuttgart vielleicht in naher Zukunft erledigt“, sagt er. Über die Fortführung werde im Sommer entschieden. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) setzt dagegen weiter auf den freiwilligen Appell zum Umstieg auf Bahn und Bus.

Hermanns Haus schreibt den Luftreinhalteplan für Stuttgart fort, nachdem das Bundesverwaltungsgericht Fahrverbote für die Senkung der Luftbelastung erlaubte. Während 2017 Feinstaub nur in Stuttgart noch ein Problem war, gab es zu hohe Stickoxidwerte in 45 deutschen Städten. Das gilt auch für Mannheim, Heilbronn und Freiburg.

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