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Kriminalität Experten nutzen moderne Methoden und decken Betrug beim Handel mit Kunst und Kulturgütern auf

Den Fälschern auf der Spur

Wiesbaden.Der Physiker Harald Müller ist eine Art Detektiv. Der Sachverständige spürt Fälschungen bei Kunst und Kulturgütern nach. Dabei nutzt er moderne naturwissenschaftliche Methoden und schaut, welche Geheimnisse Röntgengeräte, Computertomografen oder Elektronenmikroskope den Werken entlocken können. „Das Material spricht mit mir“, sagt der Wissenschaftler. „Wenn ich ein Objekt betrachte, dann stellen sich Fragen.“ Mit seiner Arbeit suche er die Antworten. „Ich will Widersprüche herausfinden“, betont der Experte. „Dabei gehe ich neutral und unvoreingenommen heran.“

Beispielsweise bei einem Tamburin-Spieler aus Terrakotta. Die ostasiatische Grabfigur sollte angeblich aus der Han-Zeit (206 vor Christus bis 220 nach Christus) stammen. „Erste Tests bestätigen zwar, dass das Terrakotta-Material tatsächlich so alt ist“, erklärt Müller. Allerdings werden in den Röntgenaufnahmen weiße Linien sichtbar, die sich an mehreren Stellen über die Figur ziehen. „Das sind Klebespuren“, erläutert der Experte. Fälscher haben Terrakotta-Material, das tatsächlich aus der Han-Zeit stammt, neu zusammengesetzt. Nach dem ersten Verdacht wird an der Figur vorsichtig eine Probe entnommen – und Sekundenkleber nachgewiesen. Ein klarer Beweis für die Fälschung.

Um solche Entdeckungen zu vermeiden, gingen Fälscher bei anderen Stücken noch einen Schritt weiter, wie Müller berichtet. Sie pulverisierten altes, unbrauchbares Originalmaterial und formten es mit Hilfe eines Bindemittels zu einem neuen Objekt zusammen. Dadurch gibt es keine Klebestellen mehr.

Aufträge auch von Museen

Sachverständige müssten über „echt“ oder „unecht“ anhand von Indizien entscheiden, erläutert Müller. Dabei sei das Urteil „echt“ niemals zu 100 Prozent möglich. Dies könne – wenn überhaupt – der Künstler selbst oder ein direkter Zeuge erklären. Bei historischen Werken ist das kaum möglich. „Es gibt eine Falsifizierung, aber keine Verifizierung“, erklärt der Physiker.

In seinem Labor untersucht er eine weitere asiatische Figur. Das Kamel soll angeblich aus der Tang-Dynastie (7. Jahrhundert nach Christus) stammen. Schon auf den ersten Blick ist erkennbar, dass mehrere Stellen anscheinend ausgebessert wurden. Deutlicher zeichnen sich die Flecken im UV-Licht ab. Sind dies Hinweise auf eine Fälschung oder bloß Spuren einer Reparatur? Um mehr über das Kamel herauszubekommen, soll es im Computertomografen durchleuchtet werden.

Der Kampf gegen Fälschungen stützt sich nach den Worten von Müller auf mehrere Säulen: Zunächst kann ein Kunsthistoriker bewerten, ob etwa der Stil eines Bildes oder der Gesichtsausdruck einer Büste stimmig ist. Hier spielt die Erfahrung eine große Rolle: Passt ein Werk zu einem bestimmten Künstler oder in eine bestimmte Epoche? Außerdem ist die Provenienz wichtig: Woher stammt ein Werk?

Allerdings wurden auch renommierte Experten schon kräftig getäuscht, gibt Müller zu bedenken und verweist auf den ehemaligen Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der 2011 nach jahrelangem Schaffen wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Als der Schwindel auffiel, hatten es aber bereits zahlreiche „falsche Meister“ aus der Werkstatt Beltracchis unentdeckt in Museen, Galerien und Sammlungen geschafft.

Für gut gesicherte Aussagen über Kunst und Kulturgüter sollten stilistische Bewertungen, Provenienz und naturwissenschaftliche Untersuchungen ineinandergreifen, sagt Müller, der bei vielen Objekten mit Kollegen anderer Fachrichtungen zusammenarbeitet.

Der Sachverständige nimmt unter anderem Aufträge von Privatleuten und Museen an, er erstellt Gutachten bei Versicherungsfällen oder in Gerichtsprozessen. Bei privaten Sammlern spielten auch Emotionen eine Rolle, hat der Experte beobachtet. „Wenn jemandem etwas gefällt und er will es unbedingt haben, dann könnte er mal unvorsichtig werden.“ Bei den Stücken, die in Müllers Labor landen, gibt es meist schon erste Zweifel über deren Echtheit. Dennoch sei es für viele Kunden schwer zu verkraften, wenn sie einer Fälschung aufgesessen sind.

Beim Überbringen der schlechten Nachricht sei Fingerspitzengefühl gefragt, sagt Müller. Abgesehen von der Enttäuschung kann sich das Gutachten für die Geprellten auszahlen. In einigen Fällen könnten Käufe – etwa über Auktionshäuser – rückabgewickelt werden.