Kultur

Zu gefährlich zur Beschallung

"Mein Beethoven“ spielt im Hamburger Hauptbahnhof. Dieser wurde bekanntlich mit klassischer Musik beschallt, um Drogenkriminalität fernzuhalten. Nun weiß ich nicht, ob ein Neurologe oder Musikwissenschaftler die Auswahl kuratiert, bei meinen Besuchen der Hansestadt schien jedoch klar Mozart zu dominieren. Als Kubrick-Jünger fragte ich mich immer, was wohl passieren würde, beschallte man Bahnhöfe mit dem „guten alten Ludwig van“. Alex, Protagonist in „A Clockwork Orange“, nutzt ja dessen Werk, um sich für seine grauenhaften Gewaltorgien aufzuputschen. Meine Kubrick-Fantasie geht so: Der DJ im Hauptbahnhof greift versehentlich zum falschen Klassiker, und alles versinkt in „Horrorshow“ und „Ultrabrutalem“. Kein schöner Gedanke, aber vielleicht zeigt er, warum Beethoven bis heute Archetyp des romantischen Genies ist.

Beim Loblied auf Beethoven in „Mozart-Bashing“ zu verfallen, ist sicher nicht gerechtfertigt, doch ist es immer wieder erstaunlich, dass die beiden fast zeitgleich arbeiteten, ihr Werk sich aber buchstäblich epochal unterscheidet. Der eine perfektionierte den Klang seiner Zeit, der andere stieß die Tür in eine neue Welt auf. Vom Musikalischen abgesehen ist Beethoven auch ein ganz neuer Typ Künstler. Das Korsett des Höfischen wird endgültig gesprengt, für alle kommenden Generationen die Perücke abgelegt, es geht zu allererst um eines: Freiheit.

Koreanische Forscher wollen festgestellt haben, nicht Beethoven, sondern Rachmaninow sei der innovativste Komponist aller Zeiten. Aber der verwendete Computer-Algorithmus wird ihm ebenso wenig gerecht, wie jener der Telekom, der nun seine 10. Sinfonie vollenden soll. Er war und ist schlicht „unberechenbar“. Genau das macht ihn bis heute cool und für Bahnhofsbeschallungen gefährlich.

Konstantin Gropper, 1982 in Biberach geboren, ist Rockmusiker, Komponist, Sänger und Gründer der Band Get Well Soon. Er lebt in Mannheim. In der Kolumne „Mein Beethoven“ schreiben anlässlich seines 250. Geburtstages das ganze Jahr über Menschen über ihr Verhältnis zum Komponisten.

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