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Wir sind Stuttgart

Archivartikel

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

seufz, das heutige Thema ermüdet mich selbst: Rund um Stuttgart ist ein Unwort aufgetaucht: Stammbaumforschung. Die Polizei Stuttgart hat den Begriff laut Protokoll nicht verwendet, doch schon ist eine Debatte entfacht, die weit unter dem ist, was Deutschland integrationspolitisch längst leistet. Die Polizei Stuttgart dementiert natürlich, setzt jedoch gleichzeitig folgenden Tweet ab: „Die Nationalität der Eltern wird auch bei ’deutschen’ jugendlichen Tatverdächtigen geprüft.“ Diese „Ausrufezeichen“ sind das Problem. Wie „deutsch“ bist du - was ist das für eine Frage?

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Solche Debatten sind wie das Aufjaulen eines in die Jahre gekommenen Oldtimers, der sich deutsche Integrationsdebatte nennt: Jahrelang eingeübt, die Konfliktlinien vertraut. Alte Lager dürfen aufeinander losgehen. Ich kriege in solchen Momenten inzwischen meine I-have-a-dream-Momente, wie Martin Luther King seine Rede nannte. Was genau bringt eine solche Debatte, schon wieder?

In Stuttgart haben 60 Prozent der Jugendlichen in der Altersgruppe, die derzeit untersucht wird, einen Migrationshintergrund. Es sind in weiten Teilen Stuttgarter - und nun? Nicht-kriminelle Jungen mit Migrationsgeschichte sind übrigens mehr als wütend auf diese Gruppe, weil sie das Ansehen all jener beschädigen, die sich friedlich in ihre Stadt einbringen.

Womit wir beim Thema wären: 60 Prozent der Jugendlichen in genannter Altersgruppe haben einen Migrationshintergrund. Doch nun prägen 24 Kriminelle das öffentliche Bild einer Gruppe. Migrationshintergrund wird wieder einmal im Kontext von Kriminalität diskutiert. Wie viel Frustrationstoleranz brauchen junge Menschen, die hier normal leben? Weshalb kann die Stuttgarter Polizei nicht einfach ihre Arbeit machen, stattdessen diskutiert aufgrund schlechter Öffentlichkeitsarbeit nun ganz Deutschland über die Herkunft wie Pferdebesitzer über die Pferdeäpfeln ihrer Pferde, weil so, laut Ministerpräsident Winfried Kretschmann, verstehbar würde, weshalb die Jugendlichen sich kriminalisiert hätten. Ah ja.

Und die ohne Migrationshintergrund? Zu Jugendkriminalität gibt es doch ausreichend Forschung. In Stuttgarts Zentrum wieder mehr öffentliche Plätze statt nur Einkaufspaläste zu bauen, als wäre es die Champs-Elysee, wäre übrigens auch so eine banale wirksame Idee für mehr Zusammenhalt.

Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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