Kultur

Staatsoper Stuttgart Pique Dame“ von Jossi Wieler und Sergio Morabito aufgeführt

Wenig passende Atmosphäre

In der Staatsoper Stuttgart ist die hierzulande eher selten gespielte, auf Alexander Puschkins gleichnamiger Novelle fußende „Pique Dame“ zu sehen, deren ursprünglich für ein Ballett von Nikolai S. Kienowski geschriebenes Libretto von Modest I. Tschaikowski, dem Bruder des Komponisten Pjotr I. Tschaikowski, stammt. Das Ergebnis der Arbeit von Jossi Wieler und Sergio Morabito heißt: Tschaikowski heute in Stuttgart.

Mit psychologischem Gespür und zwielichtiger Ironie zeigt Puschkin in seiner Novelle das Scheitern eines jungen Mannes der bürgerlichen Gesellschaft beim Versuch, in die herrschende Feudalaristokratie aufgenommen zu werden. Dabei geht dieser German zugrunde, „weil er sich in der Wahl der Mittel jenseits aller Moralbegriffe stellt“.

Charakter verändert

Von dieser kritischen Auseinandersetzung mit dem Stoff ist allerdings in der Oper einiges verloren gegangen, zumal auch der Charakter Germans verändert wurde. Bei Puschkin täuschte er nämlich seine Liebe zu Lisa nur vor, um das Geheimnis der drei Karten von der alten Gräfin zu erfahren, während er bei Tschaikowski „zwischen Liebespein und Gewissensbissen hin und her gerissen“ wird.

Dabei ist „Pique Dame“ weniger eine theatralische Liebesoper, allenfalls ein Musikdrama einer scheiternden Liebe, als vielmehr eine gesellschaftskritische Studie von Germans Milieu.

In Stuttgart verlegt man jetzt die Geschichte vorn 19. ins 21. Jahrhundert. Das Milieu ist nicht mehr das von St. Petersburg in der Zarenzeit, sondern – wie es der Dramaturg ausdrückt – „der zeitlose Raum eines Petersburger Elendsviertels“. So baut Anna Viehrock auf einer Drehbühne Wände mit Balkonen und Außentreppen auf, zwischen denen offene Türen und Tore und an denen geschlossene Fenster Einblicke in die verschiedenen Orte der Handlung geben, die aber nicht immer den vorgegebenen sieben Bildern des Originals entsprechen. So ist des Haus eines Reichen ebenso wenig als solches auszumachen, wie man in der Kaschemme des letzten Bildes nur schwerlich einen Spielsaal für Offiziere erkennen kann. Dazu findet das mitternächtliche

Treffen von German und Lisa nicht am Ufer der Newa statt, sondern in einem Hinterhof. So hat denn das Ganze, ob nun gestern oder heute angesiedelt, wenig zu dem Geschehen passende Atmosphäre, wenn man nicht dem Dramaturgen folgen will, der behauptet, das sei „nicht mehr realistisch codiert“.

Wohl spielt in Stuttgart der Chor, samt Kinderchor, gekonnt einstudiert von Manuel Pujol, mit (Ball)Spielereien und Maskeraden eine gewichtige Rolle. Dagegen lässt die musikdramatische Rollengestaltung der Solisten und auch deren Führung im Ablauf des zuweilen etwas verwirrenden Geschehens zu wünschen übrig. So nimmt es auch nicht wunder, dass die stimmlich überzeugende und dabei ihrer Aufgabe gewachsene Mezzosopranistin Helene Schneiderman als alte Gräfin kaum darstellerisches Profil gewinnt. Davon dass sie, mit ihrem Geheimnis der drei Karten, die Schlüsselfigur der ganzen Geschichte ist – der Dramaturg attestiert German sogar eine „Obsession für die gealterte Moskowitische Venus“ – sieht man nichts. Da nützt es auch wenig, dass sie mit strähnigen, langen Haaren, in einen hellen Daunenmantel gehüllt, geheimnisvoll auf der Bühne herumschleicht. Welche Persönlichkeit in jeder Beziehung war doch einst Martha Mödl in dieser Rolle.

Überzeugender Heldentenor

Dagegen überzeugt der Heldentenor Erin Caves als German sowohl stimmlich als auch, unter den gegebenen Umständen, in der Darstellung des Mannes, der nur eines im Sinn hat, das Geheimnis der drei Karten zu ergründen und damit zu Reichtum durchs Spiel zu kommen. Einer Wagner-Heroine gleicht Lise Davidsen als Lisa im Minirock, und so singt sie auch ihre Partie mit einem strahlenden, durchdringenden, jugendlich-dramatischen Sopran. Mit seinem fülligen, ausrucksstarken Charakterbariton spielt sich Gevorg Hakobayen als Graf Tomski in den Vordergrund und beherrscht denn die Szene. Ein eher zurückhaltender, gegenüber German bei Lisa den Kürzeren ziehender Fürst Jeletzki ist der über einen gepflegten Bariton gebietende Peter Sokolov.

Die dramatische Wahrheit der nuancenreichen Geschichte machen die musikalische Leiterin Oksane Lyniv, Chefdirigentin des Opernhauses Graz, und das Staatsorchester Stuttgart mit sicherem Gespür für die Feinheiten der Komposition transparent.