Kultur

Freilichtspiele Schwäbisch Hall Erich Kästners „Als ich ein kleiner Junge war“ mit Walter Sittler

Weit mehr als eine literarische Lesung

Die Corona-Pandemie hat die Theaterlandschaft grundlegend verändert. Davon betroffen waren nicht zuletzt die sommerlichen Freilichtspiele in diesem Jahr, die entweder ganz ausfielen oder nur ein eingeschränktes Programm offerierten. Leidtragende waren dabei vor allem die freiberuflich tätigen Künstler, von denen diese Veranstaltungen im Wesentlichen bestritten werden. Umso erfreulicher war es, dass die Freilichtspiele Schwäbisch Hall mit einem Benefizabend aufwarteten, dessen Erlös den Akteuren auf und hinter der Bühne zukommt, die in diesem Jahr kein Engagement bekamen.

Bestritten wurde dieser Abend auf der Treppe vor St. Michael von dem 67-jährigen, in Chicago geborenen, deutschen Bühnen- und Fernsehschauspieler Walter Sittler, der sich auch als Filmproduzent und Sprecher einen Namen gemacht hat. Begleitet von dem Saxofonisten Libor Sima und dem Pianisten Lars Jönsson spielte er, der von 1988 bis 1995 Mitglied des Schauspielensembles der Staatstheater Stuttgart war, Erich Kästners autobiografisches Kinderbuch „Als ich ein kleiner Junge war“.

In Aktion

Dabei ist das Spielen wörtlich zu verstehen. Denn Walter Sittler, der auch eine Hörbuchfassung dieses Werkes verfasste, stand nicht nur auf der Treppe und rezitierte. Vielmehr agierte er dort, wo ein paar Stühle und ein Kleiderständer platziert waren, und bot so mehr als nur eine literarische Lesung.

1957 erschienen, wenden sich Erich Kästners Erinnerungen in erster Linie an Kinder. „Als ich ein kleiner Junge war“ ist jedoch mehr als nur ein Kinderbuch. Denn diese Familiengeschichte bietet gleichzeitig einen interessanten Einblick in die Gesellschaft der damaligen Zeit. Beginnend mit den Großeltern, erzählt der 1899 in Dresden geborene und 1974 in München gestorbene Erich Kästner, der nicht nur für Kinder geschrieben hat, wenn er auch vielfach dafür steht, sondern der Schriftsteller, Publizist, Drehbuchautor und Kabarettdichter war, in erster Linie von seiner Kindheit in Dresden, von dem Dreiklang „Geschichte, Kunst und Natur“, der den besonderen Reiz dieser „wunderschönen Stadt“ausmachte, die nicht von ungefähr „Elb-Florenz“ genannt und am 13. Februar 1945 zerstört wurde.

Erich Kästner berichtet vom letzten sächsischen König, Friedrich August III., der offen durch die Einkaufsstraßen in Dresden flanierte. Er erzählt vom Hinterhof, in dem er an der Teppichstange turnte. Und von seinem Vater, einem Sattlermeister, der dann in einer Kofferfabrik arbeitete.

Von seiner Mutter, die Dienstmädchen und Heimarbeiterin war, und schließlich als Friseurin zum Unterhalt der Familie beitrug. Dem als Pferdehändler reich gewordenen Onkel und dessen Familie ist ein Kapitel gewidmet.

Die Lehrer, die bei Kästners zur Untermiete wohnten, beeinflussten ihn und seinen Berufswunsch, dem er zunächst folgte. Doch die Ausbildung zum Volksschullehrer brach er kurz vor deren Ende ab und studierte dann später Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft an der Universität Leipzig. Doch so weit gehen seine Erinnerungen unter dem Titel „Als ich ein kleiner Junge war“ nicht.

Wenn auch nicht in strenger chronologischer Reihenfolge, so enden sie nämlich zu Beginn des Ersten Weltkriegs und das mit den Worten: „Der Weltkrieg hatte begonnen, und meine Kindheit war zu Ende“.

Bis Walter Sittler nach pausenlosen, rund eineinhalb Stunden an diesem Punkt angelangt war, machte er Erich Kästners Kindheitsjahre lebendig. Dabei fielen auch Sätze wie „Fast alles hat sich geändert, fast alles ist gleich geblieben“, „Wir leiden nicht an Fernweh, sondern an Heimweh“ oder „Gedächtnis und Erinnerung sind geheimnisvolle Kräfte“. Wie wahr, wenn man diesen Benefizabend für die Freilichtspiele Schwäbisch Hall miterlebt hat.

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