Kultur

Interview Kabarettist Dieter Nuhr über Corona, Vernunft und populistische Hanswürste

„Vernunft ist überlebenswichtig“

Herr Nuhr, fühlt sich das Leben nicht gerade an wie der Anfang einer überspitzten Hollywood-Dystopie, ein apokalyptischer Katastrophenfilm von Wolfgang Petersen?

Nuhr: Das ist ja in Deutschland Dauerzustand. Hier ist man ja eigentlich immer der Meinung, dass die Welt untergeht. Bisher hielten wir Stickoxid oder fehlende Gendersternchen für die Vorboten des Jüngsten Gerichts. Wenn einem alles als Weltuntergang verkauft wird, wie soll man dann noch reagieren, wenn wirklich etwas Gravierendes passiert? Das ist wahrscheinlich der Grund, warum viele, auch ich, das Coronavirus anfangs unterschätzt haben.

Sie haben lange wahrscheinlich die am leisesten gesprochen Bühnenprogramme der Welt gespielt. Und dabei oft einen erstaunlichen Spagat geschafft: Sehr unterhaltsam mit wissenschaftlichen Argumenten für Vernunft zu plädieren. Was würden Sie heute Abend Ihren Zuschauern sagen, wenn Sie einen Auftritt im Fernsehen oder virtuell hätten?

Nuhr: Ich bin ja am Donnerstag wieder dran. Und natürlich plädiere ich weiterhin für Vernunft. Gerade in emotionaler Anspannung braucht man klares Denken. Viele sind überrascht, dass bei Corona weder Klangschalen noch Heilsteine oder Globuli gute Heilergebnisse erzielen. Es sind sicher auch schon die ersten Wunderheiler unterwegs, die uns die baldige Rettung durch Außerirdische versprechen. Da ist es sehr hilfreich, den Geist zusammen zu halten …

Sie haben auch oft eindrücklich darauf hingewiesen, wie viele Angstthemen wir schon gut überstanden haben – von Atomkriegsgefahr und Waldsterben bis Rinderwahn und Vogelgrippe. Was kann Vernunft gegen Angst ausrichten, wenn wie jetzt ein greifbarer Grund zur Sorge besteht?

Nuhr: Vernunft ist gerade in Zeiten der Angst überlebenswichtig. Sie sorgt dafür, dass wir weder falschen Hoffnungsträgern noch Untergangspropheten hinterherlaufen. Das ist dann schon mal Grundbedingung für ein menschenwürdiges Überleben.

Finden Sie, dass die Politik rechtzeitig konsequent genug gehandelt hat?

Nuhr: Ein früheres Eingreifen wäre nicht verstanden worden, ein späteres wäre fahrlässig gewesen. Insofern sehen wir jetzt, was wir an unserer bürgerlichen Regierung haben. Woanders sind die populistischen Hanswürste an der Macht. Und da ist alles schlechter. Schreihälse helfen im Alltag den Wutgestörten, aber nicht beim Beseitigen realer Probleme. Es wird vielleicht eines der positiven Ergebnisse dieser Krise sein, dass die Leute begreifen, dass die politischen Großschwätzer in wirklichen Krisen keine Hilfe sind. Vielleicht wird Herr Höcke nun sein Projekt, ein neues 1000-jähriges Reich zu errichten, ad acta legen müssen und in der Versenkung verschwinden. Ich hoffe auch, dass einige naive Linke sich daran erinnern werden, dass mitten in dieser existenziellen Krise Autonome zum Plündern aufgerufen haben. Unfassbar, mit welchen Schwachmaten wir uns diesen Planeten teilen.

Sind Ausgangssperren nötig ?

Nuhr: Wenn die Leute sich halbwegs vernünftig verhalten, nicht. Ich habe den Eindruck, seit Ende der letzten Woche haben die meisten den Schuss gehört. Am Wochenende war es bei uns sehr ruhig draußen. Ich habe auch erst lernen müssen, warum es so wichtig ist, die Ansteckungskurve flach zu halten. Ich denke, die meisten haben es jetzt raus.

Plötzlich loben selbst die grünen Konservative wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und die Kanzlerin. Ist das unheimlich – oder Kalkül für eine künftige Koalition? Oder schlicht angemessen und damit ein gutes Zeichen?

Nuhr: Ich denke, die Grünen halten sich gerade alle Optionen offen. Sie wären nach der nächsten Bundestagswahl am liebsten die führende Kraft einer rot-rot-grünen Koalition, und wenn es dafür nicht reicht, will man es sich auch mit den Konservativen nicht verderben.

Wobei der heimliche Bundeskanzler ja gerade Christian Drosten heißt. Dass Virologen zurzeit den Kurs vorzugeben scheinen – ist das für Sie alternativlos oder sollte die bürgerliche Freiheit wichtiger sein?

Nuhr: Bürgerliche Freiheiten sind relativ zweitrangig, wenn man keine Luft mehr kriegt. Freiheit ist also nur möglich, wenn rücksichtslose Idioten keine Corona-Partys feiern. Wenn das gesichert und alles vorbei ist, sollten wir der Politik genau auf die Finger gucken, ob sie die Freiheitseinschränkungen wieder zurücknimmt. Wenn nicht, ist Gegenwehr angesagt.

Sie werden seit geraumer Zeit gleichzeitig als linker und rechter Hetzer beschimpft. Wie bleibt man dabei auf Dauer geistig gesund?

Nuhr: Von linken und von rechten Hetzern gleichzeitig als Hetzer beschimpft zu werden, ist ein sicheres Zeichen dafür, dass man geistig gesund geblieben ist.

Manche Leute haben ja genau so eine Querfront im Kopf – Xavier Naidoo zum Beispiel. Sie wurden zuletzt mitunter auch missverstanden, wenn auch auf ganz anderem Niveau …

Nuhr: Da lege ich nun aber auch wirklich großen Wert drauf, dass die Beschimpfungen meiner Person andere Ursachen haben… Ich bin ja nicht mit wirren Verschwörungstheorien unterwegs. Wenn ich beschimpft werde, dient das meist dazu, mich als Andersdenkenden zu diskreditieren. Dann werde ich beliebig mit Attributen belegt. Ein Irrer hat mich mal als homophob beschimpft, Linke als Nazi oder neoliberal, Rechte als Volksverräter und Systemling. Für primitive Freund-Feind-Denker ist der Fall damit erledigt und man spart sich das Argumentieren. In weiten Teilen des Internets wird nur darüber nachgedacht, ob etwas rechts oder links, nicht aber, ob es richtig oder falsch ist. Das ist idiotisch. Aber für den einfachen Geist sehr bequem.

Wobei Sie ja einen Shitstorm mit hohen Werten auf der nach oben offenen Naidoo-Skala abbekommen haben, als Sie einen Witz über Greta Thunberg gemacht haben. Ihr Kollege Torsten Sträter meinte dazu im Rosengarten, Sie würden Greta eigentlich sehr mögen, könnten das nur nicht so zeigen“ …

Nuhr: Ich habe eigentlich immer das Gleiche über Greta gesagt, nämlich dass ich gut finde, dass sie dem Thema angemessene Präsenz verschafft hat, dass ich die Lösungsansätze von Fridays for Future aber für recht naiv halte. Ambivalenz wird aber heute oft nicht mehr ertragen. Zwischen Vergötterung und Hass gibt es nicht mehr viel in der öffentlichen Diskussion. Die einen wollen alle, die Greta nicht huldigen, mundtot machen. Die anderen fahren extra große Wagen und drücken das Gaspedal durch. Beides zeugt nicht gerade von großem Geist.

Besonders ärgerlich ist, dass Leute wie Naidoo mit verantwortungslosem Geschwurbel die Kunst- und Meinungsfreiheit, die sie für sich in Anspruch nehmen, ein Stück weit selbst in Frage stellen. Vor so etwas kann sich doch guten Gewissens niemand mehr schützend davor werfen, wie der Aufklärer Voltaire so eindringlich gepredigt – oder muss man es immer noch?

Nuhr: Die Gedanken sind frei. Dafür hat Voltaire gekämpft. Meines Wissens hat er aber nicht gesagt, dass es ein Grundrecht auf Sendezeit für Wirrköpfe gäbe. RTL hat sich von Naidoo getrennt. Wieso sie ihn überhaupt engagiert haben, obwohl seit langem bekannt war, was in seinem Kopf so herumgeistert, bleibt deren Geheimnis …

Auch die Trennung von „lyrischem Ich“ als Satiriker und der Meinung einer echten Person wie Dieter Nuhr verschwimmt zusehends – was noch vor zehn Jahren undenkbar war. Tatsächlich verbringen inzwischen Komiker von Chako Habekost bis Dave Chappelle immer mehr Redezeit damit, zu erklären, dass sie auf der Bühne im Prinzip nur als Kunstfiguren fiktive Witze erzählen und keine politischen Programme oder weltanschaulichen Essays. Ist das noch umkehrbar?

Nuhr: Wo die Inquisitoren mehr werden, steigt leider auch der Bedarf, sich zu verteidigen, da macht man nix dran… Viele Leute wollen heute nicht nur Extremistisches, sondern faktisch alles verbieten, was ihnen ideologisch nicht ins Konzept passt. Da macht sich Blockwartmentalität breit. Es ist offenbar nicht mehr allgemein bekannt, dass man, wenn einem etwas nicht gefällt, auch einfach umschalten kann.

Vieles von den angesprochenen Phänomenen steht ja stellvertretend für Filterblasen, die überhaupt nicht mehr miteinander kommunizieren können, geschweige denn konstruktiv streiten oder gar Debatten führen. Von Rechts-Links bis zu Fußball-Ultra-Propheten – wie kommt man als Gesellschaft wieder aus dieser Eskalationsspirale, wenn Leute das Gefühl haben, es braucht mal mindestens den „Hurensohn“ oder eine Morddrohung, um überhaupt beachtet zu werden?

Nuhr: Vielleicht ist die Pandemie jetzt mal insofern ein Schuss vor den Bug, als dass sie den Menschen möglicherweise klar macht, wo bei uns die Wertigkeiten verrutscht sind. Viele haben geglaubt, bei Menschenrechtsfragen ginge es in erster Linie darum, 1000 Grad heiße Pyrotechnik in ein Stadion mit 70 000 Menschen bringen zu dürfen. Und für dieses Recht wurde gekämpft, als ginge es um die Französische Revolution. Heute hat vielleicht selbst mancher Hooligan begriffen: Es gibt Wichtigeres.

Kann von der Pandemie verordnete Zwangs- und Denkpause da vielleicht das eine oder andere Mütchen kühlen?

Nuhr: Mal mit einem möglichen Ende des zivilisierten Wohlstandes oder sogar dem Tod konfrontiert gewesen zu sein, könnte dem einen oder anderen die Maßstäbe geradegerückt haben. Aber meine Hoffnung ist da gering. Je kleiner das Hirn, umso schneller vergisst man …

Jörg-Peter Klotz

Info: Langfassung unter morgenweb.de/kultur

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